Knoten 4: Angst

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Conny-44-Fachärztin-für-Psychiatrie

Darmstadt, 4. Juni 2012

Conny schlägt die Augen auf: Zum Glück merkt Alex nie, dass ich mich tot stelle … In letzter Zeit tut sie das oft, wenn sie keine Lust hat, mit ihm zu sprechen. Worüber auch? Nach fast dreißig Jahren ist bei ihnen alles gesagt. Die Gespräche drehen sich um Organisatorisches: Einkaufen, Miete, Haushalt, Müll. Oder um alltägliche Ärgernisse:
„Wann lernst du endlich, dich richtig abzutrocknen, bevor du vom Bad bis zur Küche eine Wasserspur ziehst. Davon geht das Parkett kaputt.“
Oder:
„Was ist so schwer daran, nach dem Kämmen seine Haare aus dem Waschbecken zu holen? Du weißt, dass ich davon Herpes bekomme.“
Etwas Neues kam nicht mehr hinzu. Oder nichts, was sie noch hätten teilen wollen.

Was soll das noch? …, fragte sich Conny immer häufiger. … Wir gehen nicht mehr aus, weil wir uns ohnehin nur anschweigen und an den Nachbartischen mithören, was die sich zu erzählen haben. Unser letzter gemeinsamer Urlaub ist eine Ewigkeit her, weil ich keine Lust mehr auf Biker-Trips habe und Alex ohne sein Moped nicht wegfährt. Beziehung kann man das wirklich nicht mehr nennen … Doch trennen wollte sich auch keiner nach so vielen Jahren. Conny ahnte, dass Alex es ähnlich empfand, aber weder sie noch Alex trauten sich, den Schlussstrich zu ziehen. In ihrem neunten Jahr hatte es eine Phase gegeben, da war sie dicht dran gewesen. Und jedes Mal, wenn sie es auszusprechen versuchte, blieben die Worte weg. Irgendwann hatte sie resigniert. Sie klebten aneinander fest.

Conny setzt sich auf, streicht sich eine Locke aus der Stirn und schiebt das Kopfkissen hinter ihren Rücken. Dann greift sie nach der Tasse auf dem Tablett, das Alex ihr ans Bett bringt, wenn sie Spätschicht hat. Eine der Gewohnheiten, die sich in langen Beziehungen einspielen. Es gab auch Gute. Vorsichtig nippt sie am Kaffee: Das Beste ist der Duft, dagegen schmeckt die Brühe fast enttäuschend. Wenn Alex doch nur ein bisschen öfter darüber nachdenken würde, was ich zum Glücklich-Sein brauche. Er benimmt sich wie ein Kleinkind, das ständig um sich selbst kreiselt … Früher konnte sie das putzig finden. Inzwischen haben sich ihre Mutter-Gene an ihm abgewetzt. Die Hoffnung, dass Alex noch erwachsen werden könnte, hat Conny längst aufgegeben.

Sie zieht den Abholschein der Reinigung unter dem Teller hervor: Immerhin hat er daran gedacht. Auf dem Weg zur Klinik fahre ich bei der Reinigung vorbei und hole seine alte Lederjacke ab … Irgendwann war sie stillschweigend in ihren Besitz übergegangen. Die Jacke ist ihr heilig. Ab und zu gönnt Conny ihr eine ordentliche Imprägnierung.

***

Wenn Conny ihre Nase in das weiche Leder drückte, wurden schöne Erinnerungen in ihr lebendig – an eine Zeit voller Leichtigkeit und Freiheit, bevor etwas Unheilvolles seinen Lauf genommen hatte: der Alltagstrott. Wie ein Dieb war er in ihre Beziehung eingebrochen, um sich ihre kostbarste Lebenszeit unter den Nagel zu reißen: die Jahre, in denen andere Häuser bauten und Kinder großzogen. Sie hatten das einfach zu- und damit ausgelassen. Natürlich wusste sie, dass auch bei Menschen mit Haus und Kindern in der Lebensmitte das Trauern um verpasste Chancen heftig zuschlagen konnte. Täglich sah sie dabei zu, wie Frauen und Männer zwischen Vierzig und Fünfzig durch das Labyrinth ihrer verlorenen Träume irrten und nach dem Ausgang suchten. Connys Job war es, sie ortskundig zur richtigen Tür zu lotsen.

Auch Alex war ein Suchender. Noch lenkte er sich ab und spottete über Connys unerbetene Psychoanalysen. Deswegen hatte sie beschlossen, privat #Idiot zu denken statt #Posttraumatisches Belastungssyndrom.
„Ich frage mich, ob du die ganze Zeit darauf wartest, dass das Schicksal die richtigen Entscheidungen für dich trifft“, zeterte Conny oft. „Dabei hast du die Hälfte deines Lebens schon hinter dir. Wann willst du mal selbst Verantwortung übernehmen?“
Sie spürte, dass Alex sich mit den Gedanken an Alter und Endlichkeit schwertat. Man sah es am wachsenden Sortiment seiner Pflege- und Vitamin-Produkte. Und daran, wie viel Zeit er nachts am Computer verbrachte, um sich mit Gott-weiß-nicht-was zu beschäftigen. Conny wollte es gar nicht mehr wissen. Sie wusste ohnehin schon zu viel.

Ablenkung und Adrenalin waren bewährte Hausmittel gegen Angst, und das Internet glich einem gigantischen Rummelplatz. War Games, Cybersex, terroristische Enthauptungsvideos: Für jeden Junkie gab es das passende Angebot. Niemand musste mehr vor die Tür gehen und sich an Gummiseilen in die Tiefe stürzen, damit sich der richtige Endorphin-Cocktail in ihm entfaltet. Viele merkten gar nicht, wie ihr Hormon-Haushalt allmählich entgleiste. Bei Menschen, die man gesellschaftlich als erfolgreich einstufte, sprach man neuerdings von #Burn-out. Connys Branche boomte. Die Gehirne schienen nicht auf die digitale Hochgeschwindigkeit ausgelegt zu sein. Sucht, Verrohung und Vereinsamung waren nur einige der traurigen Folgen. In der Klinik entdigitalisierten sie ihre Patient/innen, bevor sie mit der Behandlung begannen. Medienfreie Zone. Der kalte Entzug. #Digital Detox war für viele noch ein Fremdwort. Niemand hätte das freiwillig gebucht.

Die meisten waren ohnehin nicht therapierbar. Das erledigte jetzt das Web 2.0. Da hörte immer jemand zu. Erst kürzlich hatte Conny mit Kolleg/innen über die Offenbarungslust in den sozialen Netzwerken spekuliert. Warum wollten plötzlich alle Bilder von ihrem Essen oder ihre Sexualpraktiken und Gefühlskrisen mit wildfremden Menschen teilen? Der Selbstwert schien sich zunehmend an Zahlen von #Fans und #Followern zu orientieren.

„Himmel, was ist das für ein Siegeszug der Social Media – über alle Alterskohorten hinweg. Unglaublich!“, hatte die Kollegin beim Blick in ein Fachmagazin laut gedacht.
„Wann hat eine Erfindungen zuletzt eine solche Verbreitungskurve erlebt? Das Licht?“

„Das scheint die perfekte Lösung für Menschen mit Nähe-Distanz-Problem zu sein. Und dann sitzen sie zusammen in einem Café, um sich auf ihren Smartphones mit Leuten zu unterhalten, die nicht anwesend sind. Ich finde das vollkommen absurd!“

Conny nahm ihr die Zeitschrift aus der Hand und sah auf die Grafik:
„Das sieht aus wie die Eiger Nordwand. Was könnte diesen Hype ausgelöst haben?“
„Ich habe eine Hypothese“, meinte die Kollegin:
„Was, wenn es ein Echo auf das große Schweigen wäre?“
Conny verstand noch nicht, worauf die Kollegin hinaus wollte:
„Was für ein Schweigen?“
„Weitergereichte Traumata aus zwei Weltkriegen. Nie aufgearbeitet. All das Totgeschwiegene. Die verdrängten Gefühle, die nie ausgedrückt wurden und von einer auf die nächste Generation übergingen. Neulich habe ich gelesen, dass solche Traumata das genetische Profil verändern – über fünf Generationen hinweg. Haben sie an Ratten oder Mäusen getestet. Das sucht sich nun mit aller Wucht einen Kanal.“

Jetzt war Connys Neugier geweckt:
„Denkst du, die sozialen Medien wurden von Leuten entwickelt, die ein Bedürfnis nach Entlastung hatten? Oder haben die Möglichkeiten der Plattformen schlafende Hunde in den Nutzer/innen geweckt?“
„Gute Frage … Ich denke nur: Was da zum Teil gepostet wird, hat jede Verhältnismäßigkeit verloren. So, wie wir alle manchmal eine Angst oder Wut empfinden, die der Ursache gar nicht angemessen erscheint. Da frage ich mich anschließend auch des öfteren, wo diese Angst oder Wut ursprünglich entstanden sein könnte. Dann wird mir bewusst, dass der Zweite Weltkrieg keine 70 Jahre zurückliegt. Das ist nur eine Generation. Die vererbten Traumata müssen noch sehr aktiv sein in uns. Damals hatten die Leute den Ersten noch nicht mal verdaut.“

Ein Kollege klinkte sich in das Gespräch mit ein:
„Stimmt. Mein Urgroßvater ist in der berühmten Schlacht von Verdun gefallen. Ich war einmal dort mit meinem Vater. Schrecklich, dieser Ort, diese Vorstellung. Sein Sohn, mein Opa, ist 1944 gegen Russland marschieren. Unbeschreiblich, welche Ängste meine Urgroßmutter hatte aushalten müssen. Meinem Opa war ein Fuß abgefroren und dann haben ihm irgendwelche Metzger den Unterschenkel amputiert. Darüber erzählt hat er wie jemand, der nur einen Hosenknopf vermisst. Mich hat sein Stumpen als Kind total abgestoßen.“

Eine andere Kollegin griff den Faden auf:
„Mein Großvater war bei den letzten Kriegsgefangenen, die Adenauer 1955 nachhause geholt hat. Meine Mutter erzählte manchmal, wie der Vater, den sie bis zu ihrer Pubertät nie hatte, plötzlich vor ihr stand: Ein eiskalter, erloschener Mann, zu dem sie keine Beziehung aufbauen konnte. Im Grunde hatte sie immer Angst vor ihm gehabt. Meine Großmutter war eine Frankfurter Trümmerfrau in Männerkleidern und Kopftuch gewesen. Es gibt ein beeindruckendes Bild aus dieser Zeit, wie sie und meine junge Mutter Arm in Arm vor einem zerbombten Haus auf einem Schutthaufen stehen und selbstbewusst in die Kamera strahlen. Ich verstehe bis heute nicht, warum diese starken Frauen damals wieder in Petticoats und Pfennigabsätze gestiegen sind, um den kaputten Heimkehrern die Führung zu überlassen.“

Conny überlegte kurz: Auch in ihrer Familie wurde nicht über Kriegserlebnisse gesprochen. Ihr Urgroßvater war in beiden Kriegen gegen den Feind marschiert, sein Sohn aus dem Zweiten Weltkrieg nicht zurückgekehrt. Die Urgroßmutter hatte den Verlust nie verwunden und ihre Tochter zeitlebens darunter leiden lassen. Die Oma wurde depressiv und medikamentenabhängig. Niemand traute sich, sie auf die Vergangenheit anzusprechen. Ein Versäumnis, denn die Generation der letzten Zeitzeugen starb langsam weg. Sie wusste im Grunde nichts über den Ersten Weltkrieg, sie kannte nur historische Fakten. Der Nationalsozialismus wurde in der Schule dafür zwei Mal behandelt. Mit den erschütternden Filmen über Kriegspropaganda und Konzentrationslager hatte sie in diesem Alter gar nicht umgehen können. Auch damit wurden sie emotional allein gelassen.

Anders sah es in Alex‘ Sippe aus. Da gab es kapitale Nazi-Größen im Stammbaum. Als das Dritte Reich zusammenbrach, wurde der Opa von einem Nachbarn bei den Alliierten verpfiffen und abgeführt. Nie sprachen seine Großeltern über die Kränkung und die Scham, die sie nach dem Krieg erfahren hatten. Auch sie waren nicht darüber hinweg gekommen, keines der arischen Privilegien mehr zu besitzen. Über das, was sie als gut und schön empfunden hatten in dieser Epoche, musste nun Stillschweigen herrschen. Bereut hatten sie sicher nichts davon.

„Eine hoch interessante These“, gab Conny zu. „Nur überschwemmen nicht ausschließlich Deutsche das Netz mit ihren irgendwann mal abgespaltenen und weitervererbten Traumata. Vielleicht erklärt es sogar, warum die größten sozialen Netzwerke in Amerika entstanden sind: grausame Unterwerfung der Ureinwohner mit heftigen Verlusten auf beiden Seiten, bis heute Rassenkonflikte, der weltweit höchste private Waffenbesitz und Kriegsverliebte im Weißen Haus. Überall auf der Welt rottet sich der rechtsradikale Schlamm gerade über soziale Medien wieder zusammen.“

„Das ist richtig“, pflichtete der Kollege ihr bei. „Aber es werden auch Umbrüche und Revolutionen von Minderheiten oder Unterdrückten darüber angestoßen. Alles hat zwei Seiten.“

***

Conny stellt die leere Tasse aufs Tablett zurück und schlendert ins Bad. Sie muss über Alex‘ nasse Fußspuren steigen, die sich quer durch den Flur ziehen. Genervt bürstet sie die Knoten aus ihren Locken. Lose Haare fallen ins Waschbecken und bleiben dort liegen. Den Rest bindet Conny auf dem Kopf zu einem Mammut-Elli-Puschel zusammen, wie Alex es nennt. Unter die Dusche dreht sie die Mischbatterie auf 47 Grad, was Alex aus energetischen Gründen für übertrieben hält. Das heiße Wasser rinnt an ihre Nacktheit herab, die Alex seit Monaten nicht mehr zu Gesicht bekommen hat. Die Jahre haben ihr Tribut gefordert, auch wenn sie noch gut gebaut ist für ihr Alter. Ich habe die Figur einer kinderlosen Frau … Den Satz hatte sie neulich in einem Roman gelesen und die Wahrheit darin hatte sie traurig gemacht.

Was nutzte es jetzt noch, sich darüber aufzuregen? Ihre Freundinnen beneideten sie um ihre paar Dellen im Pogewebe. Die Ersten ließen sich jetzt Brustimplantate einsetzen, was sie nicht verstand.
„Du hast leicht reden, Conny! Mit deiner Körbchengröße sehen alle Dessous gut aus. Schau dir das bei mir an: Alles weggesaugt von diesen Monstern, die nun mein Leben terrorisieren.“
„Meine natürliche Körbchengröße hat mich mehr gekostet als dich das Silikon! Du hast zwei Kinder, ich nicht. Und Alex interessiert sich ohnehin nicht mehr dafür, was in meinen Dessous steckt.“
„Alex vielleicht nicht, aber andere Männer sicher schon. Wann hast du es das letzte Mal getestet?“

Conny war jetzt 44 und weit davon entfernt, sich einen neuen Mann zu suchen. Die Guten steckten ohnehin alle in Beziehungen. Keine Frau trennte sich grundlos von einem Mann. Als man ihr vor drei Jahren den Posten der Oberärztin angeboten hatte, war sie in sich gegangen und zur Einsicht gelangt, dass ihre fruchtbare Zeit höchstens noch für ein Einzelkind reichen würde. Das wollte sie sich und dem Kind ersparen. Es hatte eben nicht sein sollen. Und wer wusste schon, wozu es gut war – wie ihre Mutter zu sagen pflegte. Seltsamerweise schien Alex plötzlich mit ihrer Entscheidung zu hadern. Dabei wäre das Kind sowieso an ihr hängen geblieben. Alex wollte sich nicht mal um einen Goldfisch kümmern. Conny ahnte seit einer Weile, was er heimlich unternahm, um dieses gähnende Loch in sich zu füllen.

***

Vor circa einem Jahr hatte ihre Freundin Kim ihn beim Vorbeigehen in einem Café an der Bergstraße gesehen. Mit einer anderen Frau:
„Erst habe ich es ignoriert, weil die Frau nicht in sein Beuteschema passt. Aber dann dachte ich: Hör lieber mal nach, ob bei Conny und Alex alles im Lot ist?“
Als Conny ihn abends damit konfrontierte, schnaubte Alex wütend:
„Sag Kim, sie soll sich mal eine neue Brille zulegen, bevor sie so einen Bullshit über mich verbreitet! Ich habe den ganzen Tag an der Harley geschraubt und an sonst gar nix.“
An seiner heftigen Reaktion war abzulesen, dass Conny direkt ins Schwarze getroffen hatte. Es machte wenig Sinn, zu insistieren. Bei Alex standen alle Zeiger auf Abwehr.

Nach so vielen Jahren therapeutischer Arbeit zählte Conny nicht mehr zu den Hardlinern in Sachen Treue. Falscher Stolz hatte schon viele Ehen zerstört. Fehltritte passierten eben. Auch in guten Beziehungen. Deshalb beschloss sie, die Sache ruhen zu lassen. Menschen hatten nun mal Sex: vor, nach, in und während einer Beziehung. Der Körper des Partners gehörte einem ja nicht. Trotzdem rumorte ihr Bauch unter dieser Logik wie nach einem verdorbenen Essen.

Wenig später registrierte sich Conny bei einem Dating-Portal für Akademiker, das gerade um Gratis-Mitglieder warb, um die Anzahl der User zu erhöhen. Schon aus professioneller Sicht war sie neugierig auf den psychologischen Test, der den Matching-Algorithmus fütterte, und füllte deshalb den Fragebogen zu ihrer Person gewissenhaft aus. Die Fragen waren wohl durchdacht, das Ergebnis folgte auf Knopfdruck. Sie fand sie sich in vielen Punkten erstaunlich zutreffend beschrieben. Danach legte sie noch ein männliches Profil an und füllte den Fragebogen so aus, wie Alex ihn ihrer Meinung nach beantwortet hätte. Sie wollte wissen, ob die Plattform ihr Alex als Kontakt vorschlagen würde, was nicht geschah. Conny wunderte sich nicht darüber.

In den ersten Tagen ihrer Mitgliedschaft konnte sie die Menge an Partner-Vorschlägen und Kontakt-Anfragen kaum bewältigen. Einige Golfspieler waren darunter, die sich mit ihren Handicaps zu unterbieten versuchten. Conny interessierte sich nicht für Golf: Handicap als Gütemerkmal. Wer sich das wohl ausgedacht hat? Vermutlich denken sie, dass ich aufgrund meines Alters und Einkommens mit Golfspielern gut matche. Weil es offenbar viele Singles unter den Golfspielern gab, nahm sie sich fest vor, die Finger von diesem Sport und seinen Ausübenden zu lassen.

Um die Flut der Kontakt-Gesuche einzudämmen, sah sich Conny nur Kandidaten mit einer Matching-Zahl größer 110 genauer an. Die Hälfte von ihnen konnte sie gleich aussortieren. Da hatte entweder der Algorithmus versagt oder die Selbstwahrnehmung. Immerhin: Einige Kandidaten hätte sie in Betracht ziehen können, wäre sie tatsächlich auf der Suche gewesen. Zum Glück war sie es nicht. Bei diesem Überangebot erschien es ihr ganz unmöglich, einen Mister Perfect zu finden. Das musste man systematisch angehen.

Wie bei ihrem letzten Auto-Kauf erstellte Conny eine Scorecard mit Merkmalen, die ihr bei der Partnerwahl wichtig erschienen. Dann verteilte sie Punkte. Was sie den Profilen entnehmen konnte, übertrug Conny direkt in ihr Excel-Sheet. Wissenslücken schloss sie mit Hilfe der eingebauten Chat-Funktion. Die armen Männer begriffen gar nicht, wie professionell sie von Conny ausgehorcht wurden.

Merkmal Gewichtung Klaus Hannes Dietmar Jörg …
emotional 3 (hoch) 1 4 2 2 …
intelligent 3 (hoch) 1 3 2 2 …
kultiviert 2 (mittel) 1 3 4 3 …
humorvoll 2 (mittel) 2 1 1 3  
sensibel 3 (hoch) 4 2 1 2  
sportlich 1 (niedrig) 2 1 4 3 …
… … … … … … …
Score gewichtet 95 280 240 205 …

Die drei Kandidaten mit den höchsten Scores hießen Thomas, Dietmar und Jörg. Mit allen dreien schrieb Conny eine Weile hin und her, um Werte zu validieren. Manchmal zwickte sie der Gedanke, ahnungslose Menschen als Forschungsobjekt zu benutzen. Doch sie verpasste den Moment, damit aufzuhören, bevor es zur Obsession wurde.

Dann kam der Tag, an dem Conny einen zerknüllten Zettel in der Tasche von Alex’ Sweatjacke fand und ihn auf ihrem Knie glättete:

✏ Hallo Herr Seifert,
ich denke, es ist in ihrem Interresse, wenn ich unser kleines Geheimnis für mich behalte. Es ist natürlich auch in meinem Interresse. Muss ja nicht gleich die ganze Schule wissen, dass meine Mutter wegen ihnen zuhause hockt und heult. Trozdem können Sie sich am Ende vom Schuljahr mal dran erinnern. Weil ich tu es bestimmt. Und nehmen Sie mir nie mehr das Handy weg!! Dem Lucas auch nicht!! Hoffe, dass geht klar. Kevin K.

Abends hielt sie ihn Alex unter die Nase:
„Von was für einem kleinen Geheimnis redet dieser Kevin K.? Womit erpresst dich der Kerl?“
Alex erschrak, fasste sich aber schnell wieder:
„Ich habe keine Ahnung, was das für ein Zettel ist. Wo kommt der her?“
Conny sah ihn ungläubig an:
„Wie bitte? Stell dich nicht so dumm! Aus deiner Sweatjacke kommt der, die du in den Wäschekorb geworfen hast.“
„Ich habe den Zettel vorher noch nie gesehen. Keine Ahnung, wie der da reingekommen ist.“
„Und du weißt auch nicht, wovon der spricht …“, spottete Conny.
„Ich habe keinen blassen Schimmer“, zuckte Alex mit den Schultern. „Schüler denken sich manchmal sehr dumme Streiche aus.“
„Willst du mich verarschen?“, fuhr Conny ihn laut an.
„Warum sollte ich?“, erwiderte Alex gelassen.
Es endete wie bei ihrem letzten Streit: Alex ließ Conny mit ihrer wütenden Ratlosigkeit am ausgestreckten Arm verhungern.

Nach diesem Gespräch entschloss sich Conny, ihr Experiment mit der Dating-Plattform in die dritte Projekt-Phase zu schicken. Jegliche Gewissensbisse waren wie weggeblasen. Sie wollte die Männer nun doch persönlich kennenlernen. Nur so konnte sie sich ein realistisches Bild von der ganzen Sache machen.

Alle Kandidaten wohnten auf der Strecke zwischen Darmstadt und Stuttgart. Darauf hatte sie vorsorglich geachtet. So ließ sich ein potentielles Date leicht mit einem Besuch ihrer Eltern koppeln, ohne dass jemand Wind davon bekam.

Zwei Wochen später traf sie sich mit Hannes, einem Mann, der sie mit sehr emotionalen Nachrichten überrascht hatte. Ein #Genussmensch war er sicher bei seiner Körperfülle. Auch der Rest rechtfertigte ihr Herzklopfen nicht. Der Kandidat entpuppte sich als wortkarger Nerd. Hannes war enttäuscht, als Conny ihn wenig später im Mülleimer der Dating-Plattform entsorgte.

Nach dieser Erfahrung hielt sie es für besser, im Vorfeld ein bis zwei Mal mit den Kandidaten zu telefonieren. Dietmars sonorer Bass lullte sie gleich ein. Es fühlte sich wie eine heiße Dusche an. Das Telefonat verlief entspannt und unterhaltsam. Nach zwanzig Minuten schlug Dietmar vor, sich für kommenden Samstag zu verabreden. Wozu noch länger warten? Conny willigte ein.

Als sie in einem Pforzheimer Café aufeinander trafen, fragten sich beide sofort, wo die 116 Matching-Punkte herrührten? Da passte gar nichts. Conny spürte das auch körperlich. Dietmar war ein Poser. Ständig rückte er seine makellosen 1-Meter-87 in Szene. Ein kurzer Blick in das geöffnete Hemd und sie wusste, dass Dietmars Brust besser enthaart war als ihre Beine. Niemals hätte sich Conny vor diesem Mann ausziehen wollen. Sie fand ihn schlichtweg unerträglich.

Ganz offensichtlich hatte sich auch Dietmar von Conny etwas anderes erhofft. Deshalb brachen sie ihr Treffen nach zehn Minuten ab. In ihrem Alter hatte keiner von beiden mehr Zeit zu verschenken.

Jetzt stand nur noch Jörg auf Connys Liste. Doch sie war müde. Das Experiment gestaltete sich aufreibender als geplant und Conny fragte sich, wie hier ein Gebrauchtwagen mit Schönheitsmacken vom Markt kommen wollte, ohne Totalschaden zu erleiden? Das Online-Dating überlebte nur, wer ein solides Selbstvertrauen als Fahrwerk besaß.

Conny blieb mit Jörg in losem Kontakt und sah sich auch weiterhin alle Anfragen an, die von der Dating-Plattform kamen. Nur verabreden wollte sie sich vorerst nicht mehr. Jörg war ein netter Zeitvertreib – ein Farbklecks in ihrem sonst eher grauen Alltag. Und ein Geheimnis, von dem niemand zu wissen brauchte.

Mit seinen 49 Jahren sah er – dem weichenden Deckhaar zum Trotz – eher wie 29 aus, aber nicht im positiven Sinne. Immerhin wollte sein Foto nichts beschönigen. Das war zumindest zu hoffen. Er schien ein grundehrlicher Zeitgenosse zu sein, der sich mit seinem äußerlichen Schicksal arrangiert hatte. Was es sonst noch über ihn zu sagen gab:

– Single auf der Suche nach einer neuen Beziehung auf Augenhöhe
– 2 erwachsene Kinder, die studierten
– Passionierter Weinkenner und -trinker
– 3-Zimmer-Altbau-Wohnung im Tübinger Zentrum (zur Miete)
– Jedes Jahr eine mehrwöchige Fernreise

Das konnte sich Jörg als Professor für Soziologie an der Tübinger Uni gut leisten. Vor allem Tübingen hielt Conny am Ball. Auch sie hatte dort studiert. Jörg ging problemlos als alter Bekannter durch, mit dem sich ihre Zeit an der Uni kurz überschnitten haben musste. Sie konnte sich nur nicht mehr an ihn erinnern.

Jörg übte keinerlei Druck auf sie aus. Noch nie hatte er Conny um ein Treffen gebeten. Es kränkte sie fast ein wenig. Sicher traf er sich längst mit anderen Frauen. Auch sie datete schließlich parallel. Und wenn schon – Conny wollte ja gar nichts von ihm.

***

Auf dem Wäschekorb, in den inzwischen nur noch sie ihre schmutzige Wäsche wirft, liegen die Kleider von gestern. Conny steigt in die Jeans und zieht den roten Pulli über ihren Kopf. Dann rubbelt sie die Haare trocken, bis sich ihre Locken kringeln. Schnell noch Maskara – mehr Make-up benutzt Conny nie. Zurück im Schlafzimmer loggt sie sich bei der Partnerbörse ein. Dort findet sie eine Nachricht von Jörg. Endlich. Vier Wochen Urlaub waren doch eine lange Zeit. Zu lang.

07:26 Uhr:

>hey conny, ich bin wieder zurück. >>

Ein warmes Gefühl durchströmt ihren Körper. Sie tippt:

>wie schön! erzähl, wie waren die ferien? >>

Conny geht in die Küche, um sich einen zweiten Kaffee zu holen. Als sie zurückkehrt, hat Jörg bereits geantwortet.

>zu kurz. ich plane schon die nächste reise nach namibia. >>

>dann hat es dir wohl wirklich gut gefallen dort. >>

>oh ja! und weißt du was? ich habe dort eine wundervolle frau kennengelernt. in der letzten woche sind wir zusammen gereist. wir wollen uns bald wieder treffen und die nächste reise gemeinsam planen. >>

Das warme Gefühl verebbt so schnell wie es gekommen ist.

>wirklich? wie schön. jetzt bist du schon so lange bei der partnerbörse, doch den wundervollen frauen begegnest du in namibia … >>

>hahaha … scheint so. ich habe dir auch etwas mitgebracht. einen elefanten. du wolltest doch immer ein haustier? >>

>ich hatte eher an einen hund gedacht. in diesem fall muss ich erst beim vermieter nachfragen. wegen der statik. >>

>mach dir keinen kopf deswegen. der elefant ist ganz klein. ich denke auch nicht, dass er viel wachsen wird. >>

>aha. und warum ist er nicht bei seinen eltern? >>

>die sind vor ihm verkauft worden. deshalb braucht er dringend ein neues zuhause. da habe ich sofort an dich gedacht, bei so einem traumatisierten elefantenkind. ☺ >>

>wollte die wundervolle frau sich nicht um ihn kümmern? >>

>eher nicht. brigitte ist 84 und zu alt für den job. ihr würdet euch sicher gut verstehen. >>

Conny überrascht es, wie erleichtert sie ist:

>wenn das so ist, könnte ich ihn sonntag in 8 tagen bei dir abholen. ich wollte ohnehin meine eltern besuchen. das lässt sich gut mit einem abstecher nach tübingen verbinden. was meinst du? >>

Es dauert einen Moment, bis Jörg reagiert. Das verunsichert Conny.

>hast du mir gerade ein treffen vorgeschlagen? >>

Jörg klingt überrascht. Es zwickt.

>es war nur so ein gedanke. ich wollte dich damit nicht überrumpeln. du kannst den elefanten natürlich auch per post schicken. >>

>spinnst du? ich habe mich lange genug gefragt, wie viel zeit du noch brauchen wirst, um aus deinem schneckenhaus zu kommen … es kam jetzt nur so plötzlich. >>

>mein schneckenhaus? >>

>ja, du hast dich so darin verschanzt, dass man sich kaum anzuklopfen traut. du wirkst sehr verletzt. >>

>verletzt? >>

>wie ein verwundetes tier. >>

>so ein quatsch! du hättest ruhig früher fragen können. >>

>nein, das glaube ich nicht. aber ich ergreife den kleinen fühler gern. ☺ was hältst du von einem brunch um 11 uhr im cafe liebe zeit? kennst du das? >>

>na klar! schön, dass es das noch gibt. >>

>natürlich. ich erhalte es am leben. ☺ >>

>o.k. ☺ ich müsste aber erst noch meine eltern fragen. >>

>du musst deine eltern fragen, ob du mich treffen darfst? >>

>nein, ob ich sie besuchen und dort übernachten kann. >>

>du kannst auch bei mir übernachten. ohne hintergedanken. ich hätte zwei verwaiste kinderzimmer im angebot. >>

>danke, aber lass uns mit einem brunch beginnen. o.k.? >>

>wow! ich kann’s nicht fassen. >>

Conny lacht.

>ich freue mich darauf. ☺ >>

>und ich erst. ☺☺☺ >>

Inzwischen ist es halb zwölf. Conny zieht den Mantel über und steckt den roten Zettel von der Reinigung in die Manteltasche. Weil sie spät dran ist, wird sie die Lederjacke erst morgen abholen können. Auf dem Weg in die Klinik wird es ihr ganz mulmig bei dem Gedanken, Jörg zu treffen. Dann ruft sie ihre Mutter aus dem Auto an.

Auf Connys Schreibtisch liegt ein Stapel Patienten-Akten. Ganz oben die Akte von Beate Bärwein. Noch eine #Burnout-Einweisung. Die Diagnose war inflationär und das Thema in allen Medien anzutreffen. Manager sprachen öffentlich über ihren Zusammenbruch, Prominente schrieben Bücher über ihre Therapie. Erschöpfung klang nach harter Arbeit und übertriebener Leistung. In jedem Fall besser als Depression, auch wenn es medizinisch wenig Unterschied für Conny machte.

Zwei Monate war die Kindergärtnerin bei ihnen in Behandlung. Heute wird sie entlassen. Ihr Mann wartet sehnsüchtig darauf, dass sie zuhause den Dienst wieder aufnimmt. Seit Frau Bärwein in den Wechseljahren ist, schafft sie es nicht mehr, Beruf und häusliche Pflichten unter einen Hut zu bringen. Während ihres Klinik-Aufenthalts hatte Herr Bärwein argwöhnisch beäugt, was dort mit seiner Frau geschah. Er wollte die alte Beate zurück, die alles klaglos erledigt und hinnimmt, keine Version 2.0 von ihr, mit neumodischen Achtsamkeits- und Selbstfürsorge-Features.

„Ich gebe Ihnen noch ein Rezept mit, Frau Bärwein. Nehmen Sie die Tabletten bitte unbedingt weiter ein wie gewohnt. Wenn Sie soweit sind, schleichen wir das Medikament langsam aus. Setzen Sie es auf keinen Fall ohne mich ab. Versprochen?“
Frau Bärwein nickt. Einmal. Kurz. Conny setzt ihren Arztblick auf:
„Ein unkontrolliertes Absetzen des Medikaments könnte gefährlich sein. Glauben Sie mir das bitte, und lassen Sie sich von niemandem etwas anderes einreden. Auch nicht von Ihrem Mann.“

Conny greift in die Schublade, wo sie den Rezeptblock für Privat-Patienten aufbewahrt. Der Block ist nicht an seinem Platz. Verdammt. Wo habe ich ihn dieses Mal wieder hingelegt? In letzter Zeit verlege ich meine Rezeptblöcke ein bisschen zu oft. Alles wegen meines Dating-Experiments. Ich muss mich da endlich wieder abmelden und auf das wahre Leben konzentrieren.
Frau Bärwein wirkt besorgt:
„Stimmt was nicht, Frau Krämer?“
„Ach, ich bin nur so schrecklich vergesslich geworden. Das beunruhigt mich gerade.“
„Zurecht. Vielleicht brauchen Sie mal Urlaub.“
„Da könnten Sie recht haben.“
„Im Ernst, Frau Krämer. So fing es bei mir auch an. Machen Sie mal eine längere Pause. Das ist ja kein leichter Job hier.“
„Ist es schon soweit, dass meine Patienten mich therapieren müssen? Großartig“, lacht Conny.

Nachdem sie eine neue Packung Blöcke aus dem Schrank geholt hat, stellt Conny das Rezept aus. Sie reicht es Frau Bärwein über den Tisch. Diese lässt es sofort in ihrer Handtasche verschwinden und zieht ein Buch daraus hervor.
„Ich habe noch etwas für Sie, Frau Krämer.“
Conny hebt abwehrend die Hand:
„Ich darf keine Geschenke annehmen.“
Die Patientin lässt sich von der Geste nicht abwimmeln und legt das Buch vor Conny auf den Schreibtisch.
„Eine Dauerleihgabe.“
„Der Gefangene von Askaban? … Harry Potter? …“, fragt Conny irritiert.
Frau Bärwein nickt vielsagend:
„Ja. Lesen Sie das mal. Ich denke, sie sind eine Hexe.“
Conny lacht:
„Da kenne ich noch jemanden, der das denkt. Oder sagt das ihr Mann?“
„Ach, der! Der hat doch von sowas keine Ahnung. Ich meine natürlich, eine gute Hexe. Ich habe in diesem Buch vieles wiederentdeckt, was Sie mir in den letzten Wochen beigebracht haben.“
„Wirklich? …“
„Ja. Als Zauberspruch. #Expecto Patronum zum Beispiel.“
„Also das klingt wirklich nach Ihrem Mann“, entfährt es Conny.
Frau Bärwein kichert:
„Nein. Das ist ein Schutzzauber, bei dem man seine schönsten Gedanken aktiviert, um #Dementoren zu vertreiben. Wissen Sie, was #Dementoren sind?“, fragt Frau Bärwein.
Conny schüttelt den Kopf:
„Das sind Dämonen, die einem jegliche Lebensfreude aus dem Leib saugen. Genauso habe ich mich gefühlt, als ich hier ankam. Als hätte mich einer von ihnen ausgesaugt.“

Conny hebt neugierig die Augenbrauen, was Frau Bärwein ermutigt, weiterzusprechen:
„Das Buch handelt von einem kleinen Waisenjungen, dessen Familie ihn nicht liebt, sondern klein hält. In allen sieben Büchern kämpft er gegen einen ganz üblen Autokraten, der seine Seele in viele Teile gespalten hat, um mächtig und unsterblich zu werden. Das Wort haben Sie auch oft verwendet: #abspalten. Gefühle, Erinnerungen, die man nicht haben möchte. Hier heißen diese abgespaltenen Seelenteile #Horkruxe. Harry sucht am Ende mit seinen Freunden nach diesen #Horkruxen, um sie zu zerstören, damit der Autokrat keine Macht mehr über andere bekommt..“
„Klingt nach einem spannend Plott“, bestätigt Conny.
„Worauf ich hinaus will: In einem Buch macht Harry mit dem Leiter seiner Zauberschule einen Ausflug zu einem unterirdischen See, in dessen Mitte sich eine Insel befindet, zu der sie mit einem Boot übersetzen. Dort steht ein Becken, auf dessen Grund einer dieser #Horkruxe liegt. Um ihn zu bekommen, muss man erst die ganze bittere Flüssigkeit austrinken, die sich in dem Becken befindet. Bis zur Neige. Es ist sehr anstrengend und schmerzhaft, das zu tun, und der Schulleiter bittet Harry, seinem Flehen nicht nachzugeben, sondern ihm immer weiter die nächste Tasse zu reichen. Verstehen Sie?“
Conny nickt erstaunt.
„Die Analogie ist so klar, wenn man selbst mal eine Psychotherapie gemacht hat. Es war genauso schmerzhaft und anstrengend, sich zu meinen abgespaltenen Seelenteilen vorzuarbeiten. Und ich bin sehr dankbar, dass Sie mir die Tasse gereicht haben. Auf dem Rückweg werden sie übrigens von all den Toten angefallen, die im See wohnen. Sie wollten nicht geweckt werden. Die Autorin hat angeblich auch unter Depressionen gelitten, bevor sie die Bücher schrieb.“

Conny schlägt nun doch das Buch auf:
„Ich habe nie verstanden, wie Erwachsene einem Kinderbuch so verfallen können, dass sie vor Bücherläden übernachtet? Das würde ich für kein Buch der Welt tun.“
Frau Bärwein lächelt:
„Wenn Sie es gelesen haben, komme ich wieder und bringe ihnen das Nächste. Dann können wir auch mal über die Zaubersprüche reden, die ich noch nicht kenne.“
Conny überlegt:
„Gibt es einen Zauberspruch, mit dem man etwas verschwinden lässt?“
„Ja sicher“, antwortet Frau Bärwein begeistert. „Warum fragen Sie?“
„Vielleicht verwende ich diesen Spruch, ohne es zu ahnen. Das würde die Sache mit den Rezeptblöcken erklären.“

Conny geleitet Frau Bärwein zur Tür und bittet Jim Stöcker herein, einen jungen Mann mit wasserblauen Augen. Sie kennt ihn schon seit er fünfzehn ist. Da hatte seine Mutter sich vom Dach des Hochhauses gestürzt, in dem er noch heute mit seinem Bruder lebt. Seit drei Jahren kam Jim regelmäßig zur Methadon-Ersatz-Therapie. Entzug konnte man das nicht nennen. Nicht bei Jim. Fälle wie Jim waren der Teil an Connys Job, den sie nicht mochte. Aber er gehörte nunmal dazu.

„Hi Jim! Mach es dir bequem. Ich bin gleich bei dir.“
Sie tritt auf den Flur hinaus und winkt eine Schwester zu sich heran:
„Sagen Sie Herrn Moog bitte, dass es fünfzehn Minuten später wird. Ich muss nach diesem Patienten ein dringendes Telefonat führen.“
Die Schwester nickt und Conny schließt die Tür von innen. Jim liegt bereits auf der Couch, wo er sich wohler fühlt als am Schreibtisch.
Jeder Patient ist anders …, denkt Conny, greift nach Jims Akte und nimmt in ihrem Sessel am Fenster Platz.
„Wie geht es dir heute, Jim?“
„Mir geht es nicht schlecht. Und Ihnen? Muss ich mir Sorgen machen?“
„Warum?“
„Weil Sie jetzt Harry Potter lesen. Das habe ich mit 10 getan.“
Conny ist erstaunt:
„Du hast gelesen?“
„Naja, nicht gerade gelesen. Ich hatte alle Bücher auf CD und habe sie jeden Abend zum Einschlafen gehört. Ich war richtig süchtig danach. Sehen Sie, das fing damals schon an.“
Conny beschließt, in den nächsten Tagen mal einen Blick in das Buch zu werfen.

***

Am Nachmittag des 16. Juni quält sich Conny auf der vollen Autobahn durch den Regen nach Stuttgart. Das Abendessen mit ihren Eltern verläuft ruhig. Danach spielen sie Scrabble. Scrabble zählt zu den wenigen Dingen, bei denen Conny und ihr Vater sich einig sind: Nur, was im Duden steht, erhält Punkte. Renate Krämer mag diese seltenen Momente der Eintracht und legt deshalb oft Unsinn aufs Brett.

In der Nacht kann Conny kaum schlafen. Sie hört dem Regen zu, der gegen die Fensterläden ihres alten Zimmers hämmert. Das hatte sie als Kind schon beruhigt. Wirre Gedanken geistern durch ihren Kopf: Was zum Teufel willst du in Tübingen? Wozu soll das Ganze gut sein? …

Am nächsten Morgen greift sie müde nach dem Regenschirm, den Renate Krämer ihr hinhält und drückt ihrer Mutter einen Kuss auf die Stirn. Frau Krämer tätschelt Connys Wange:
„Du kannst den Schirm ruhig behalten. Wir haben genügend andere. Bei diesem Wetter gehen wir sowieso nicht mehr vor die Tür.“
Conny sieht auf den wild gemusterten Regenschirm und schluckt hinunter, was ihr auf der Zunge liegt. Renate Krämer ist froh, dass ihre Tochter friedlicher geworden ist und sie sich jetzt wieder öfter sehen. Doch sie macht sich keine Illusionen: Wahrscheinlich steckt ein neuer Mann dahinter. Hoffentlich. Wenn wir Glück haben, wohnt er in unserer Nähe. Wegen Alex ist der Kontakt ja fast abgebrochen. Wenn sie Alex nur auf den Mond schießen würde, ich wäre bereit, ihn persönlich dort abzuliefern und dafür zu sorgen, dass er oben bleibt. …

Frau Krämer steckt Conny eine widerspenstige Locke hinters Ohr:
„Viel Glück, mein Kind!“
Conny mag es nicht, wenn ihre Mutter sie so nennt.
„Glück bei was denn, Mama?“
„Was auch immer es ist: Ich habe ein gutes Gefühl dabei.“
Conny rollt die Augen:
„Bei was hast du ein gutes Gefühl, Mama?“
„Ach, Liebes, es ist mir egal, wer oder was dir gerade gut tut, lass es zu. Man muss die Geschenke des Lebens annehmen.“
„Oh, Mama! … Du und deine Lebensweisheiten.“
„Na und? Deswegen müssen sie ja nicht falsch sein.“
„Hast du sie denn selbst alle beherzigt?“
Frau Krämer zuckt mit den Schultern:
„Vielleicht zu wenig. Du musst ja nicht den gleichen Fehler machen.“
„Fehler? … Hättest du denn lieber ein anderes Leben gelebt?“
„Diese Frage habe ich mir nie gestellt. Dein Vater und du, ihr habt mich schließlich gebraucht. Ich war immer für euch da und bin es noch.“
„Das klingt, als hättest du dein Lebensglück für uns geopfert.“
„Also wirklich, Conny!“

Conny reißt sich am Riemen, um keinen Streit mit zu beginnen:
„Nicht wahr, du hattest ständig Angst, dass ich es nicht schaffe?“
„Was nicht schaffst? …“, fragt Frau Krämer irritiert.
„Mein Leben. Dass ich es an die Wand fahre.“
„Aber meistens hat ja alles geklappt.“
„Meistens?“
„Dass du wegen Alex keine Kinder hast, finden wir schon sehr traurig.“
Conny schnappt nach Luft:
„Wieso Alex? Das habe ich selbst entschieden, als ich Oberärztin wurde. Alex fand das übrigens gar nicht so toll. Aber der Job war mir einfach wichtiger.“
„Doch nur, weil Alex dir keine Sicherheiten geboten hat. Er wollte ja nie heiraten. Bloß keine Verantwortung übernehmen. Was ist denn das für ein Mann? Von #Vater will ich gar nicht erst reden!“
„Ich glaube, das lassen wir jetzt besser! Ich brauche keinen Mann, der mich absichert. Ich verdiene selbst genug.“
„Als du Oberärztin wurdest, war es ja auch schon zu spät für Kinder.“
„Wie bitte? Ich war 41, als ich die Entscheidung getroffen habe.“
„Eben.“
„Was eben?“
„Ab 35 ist man Spätgebärende mit erhöhtem Risikofaktor.“
„Gianna Nannini hat mit 54 noch ein Baby bekommen.“
„Um Gottes Willen! Mach mir bloß keine Angst …“
„Ich frage mich wirklich, warum du immer so schreckliche Angst hast?“
„Weil das zum Muttersein dazu gehört.“
„Klingt echt furchtbar. Vielleicht wollte ich es deshalb nicht …“
„Ach, du! Mit einem behinderten Kind wäre dein Leben im Eimer.“
„Oder auch nicht. Es könnte auch alles gutgehen, Mama. Schon mal daran gedacht? Hin und wieder wäre ein aufmunternder Satz von dir ganz hilfreich gewesen.“
„Ja, ich weiß, ich mache halt grundsätzlich alles falsch …“, gibt Frau Krämer beleidigt zurück.
„Diesen Satz liebe ich ja ganz besonders …“, stöhnt Conny.

Sie spannt den Regenschirm auf und rennt zu ihrem Auto. Frau Krämer steht in der Haustür und sieht ihrer Tochter ratlos nach. Auf dem Weg nach Tübingen denkt Conny über das Gespräch nach: Warum kann ich bei ihr nicht ruhig bleiben? Sie ist nun mal, wie sie ist, und sie wird sich auch nicht mehr ändern.

Die Scheibenwischer schaffen es kaum, ihr freie Sicht zu verschaffen. Kurz nach elf parkt sie ihren Wagen in der Wilhelmstraße. Zum Glück ist hier sonntags wenig los. Beim Überqueren der Straße springt Conny über die Rinnsale, die wie Sturzbäche bergab strömen.

Ihr Herz klopft wild als sie die Tür zum Café aufdrückt und eintritt. Die Luft ist stickig. Für einen kurzen Moment weiß sie nicht mehr, nach wem sie Ausschau halten soll. Was für eine hirnverbrannte Idee! …, kommentiert Renate Krämers Stimme in Connys Kopf, als jemand ihr von hinten auf die Schulter tippt. Panisch fährt Conny herum. Der nasse Schirm bleibt am Bein eines Mannes hängen. Er heult auf. Im selben Moment explodiert eine Kaffeetasse auf dem Tisch neben ihr. Die Brühe spritzt quer über den Tisch. Auch Connys Mantel bekommt etwas ab. Die beiden Frauen am Tisch springen gleichzeitig auf:
„Fuck!!!“
Conny starrt auf den Trümmerhaufen. Die Wurst schwimmt im Kaffee und der Brotkorb tropft. Eine Kellnerin kommt herbei gerannt, sieht aber, dass der Schaden größer ist, und läuft zurück zum Tresen.

„Ich fasse es nicht! …“, krächzt die eine Frau wütend und sieht an sich herab. Mit spitzen Fingern fischt ihre Begleiterin einen triefenden Klumpen aus den Scherben. Sie hält ihn hoch:
„Was zum Henker ist das? …“
Der Mann neben Conny antwortet gelassen:
„Ein Elefant.“
Der jungen Frau scheint die Antwort nicht zu genügen. Erwartungsvoll zieht sie die Augenbrauen hoch.
„Aus Namibia“, ergänzt Jörg. Immer noch keine Reaktion von der Frau.
„Afrika“, fügt er hinzu.
„Nein, wirklich? Danke für den wertvollen Hinweis, Herr Berkmann. Ich werde das zuhause gleich mal googeln.“
Jörg ist erstaunt:
„Kennen wir uns?“
„Ich habe letztes Jahr in Ihrer Vorlesung gesessen. Aber daran erinnern Sie sich wahrscheinlich nicht“, erwidert die junge Frau spitz.
„Jetzt kriegen Sie sich mal wieder ein. Es ist ja nur ein kleiner Elefant.“
„Da bin ich aber sehr froh“, schnaubt die Frau zurück.
„Ein kleiner fliegender Elefant“, korrigiert Conny.
Jörg kratzt sich am Kopf:
„Oder ein fliegender kleiner Elefant?“
„Die grammatikalischen Feinheiten interessieren mich eher weniger“, erklärt die junge Frau noch immer aufgebracht.

Jörgs Kiefermuskel zuckt verdächtig. Er ist weder groß noch klein und weder dick noch dünn. Als ob er sich in keiner Dimension festlegen wollte. Sein sonnengebräunter Schädel ist glattrasiert. Dazu trägt Jörg einen dichten grauen Bart und eine schwarze Hornbrille auf der Nase. Sie passen zum grauen Sakko und dem schwarzen T-Shirt darunter.
Vom Babyface zum Intellektuellen in wie vielen Sekunden? …“, denkt Conny und weiß, dass sie ihn zwischen all den Leuten hier niemals erkannt hätte. Ich höre genau, was Alex über ihn sagen würde … Conny grinst. Dann stutzt sie: Wann habe ich es mir eigentlich zur Gewohnheit gemacht, alles in meinem Leben durch Alex‘ Augen zu betrachten?

Inzwischen ist auch die Kellnerin mit einer besseren Ausrüstung zurückgekehrt. Sie beginnt, das Chaos zu beseitigen, für das sich Jörg ausschweifend entschuldigt:
„Tut mir leid, dass sich der kleine Elefant nicht den besten Landeplatz ausgesucht hat. Es war ja auch eher eine Notlandung.“
Die Kellnerin winkt ab:
„Halb so schlimm, Herr Professor. Ich hole gleich ein neues Gedeck.“
„Packen Sie es auf meine Rechnung, bitte. Und bringen sie gleich noch zwei Gläser Prosecco mit für die Damen. Uns dürfen sie ebenfalls zwei Gläser an meinem Tisch servieren. Auch wenn ich mir das ein bisschen anders vorgestellt hatte: Ich denke, wir können auf ein stürmisches Wiedersehen anstoßen.“
„Na klar“, antwortet die Kellnerin und zwinkert Jörg vertraulich zu. Der wendet sich an die Frau mit dem fleckigen Oberteil:
„Ihre Begleiterin weiß offenbar, wo Sie mich finden. Bringen Sie mir gern die Rechnung für die Reinigung oder meinetwegen auch für ein neues T-Shirt vorbei.“
„Geht klar“, antwortet seine Studentin für ihre Freundin und hält ihm den tropfenden Elefanten hin. Bevor Jörg zugreifen kann, hat die Kellnerin das Speckstein-Tier in ihren dreckigen Putzeimer getaucht.

Jörg begleitet Conny zu einem Tisch in einer Fensternische und hilft ihr aus dem nassen Mantel.
„Gib mir mal den Regenschirm, bevor du noch jemanden damit verletzt. Das ist übrigens mein Stammplatz. Ich hoffe, er gefällt dir.“
„Hier empfängst du also deine Dates?“, antwortet Conny erstaunt.
„Sehr lustig! Ich bin ja nur noch deinetwegen auf der Plattform.“
„Tatsächlich? Kaum zu glauben, wenn ich den Blick der Kellnerin richtig deute. A propos Plattform: Dein Profilbild ist wohl schon etwas älter.“
„Ja. Ich wollte nicht, dass meinen Studentinnen mich erkennen und blöd anmachen. Man weiß nie, wer sich auf diesen Dating-Portalen tummelt. Da wird schnell geredet.“
„Es ist beeindruckend, wie man heute mit Autoritätspersonen redet. Das hätten wir uns bei unseren Professor/innen nicht getraut.“
„Stimmt. Aber ich finde es eher bewundernswert, wie selbstbewusst die jungen Menschen heute sind. Man gewöhnt sich daran.“
Conny nickt und Jörg sieht sie aufmerksam an:
„Ich fand es lustig, dass du mich auf dem Foto nicht erkannt hast.“
„Wieso hätte ich dich erkennen sollen?“, wundert sich Conny.
„Ich habe eine Hausarbeit von dir korrigiert. Da war ich noch Assistent.“
„Ach, echt? Das habe ich dann wohl komplett verdrängt“, sagt Conny. Offenbar hatte er keinen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen.
„Die war gar nicht schlecht. Du hättest Potenzial gehabt als Soziologin. Ich konnte mich sofort an dich erinnern. Deine Lockenpracht mochte ich sofort“, ergänzt Jörg und streicht sich mit der Hand über den kahlen Schädel. Conny lacht und Jörg grinst:
„Wie schön! 23 Jahre ist das her. Im Gegensatz zu dir habe ich dich nie vergessen. Und dann spült dich dieses Partnerding wieder an Land. Das ist schon abgefahren, irgendwie.“

Dann sprechen sie über andere Dinge. Sie reden beim Frühstück, beim Gang über den Uni-Campus und beim Tee in Jörgs Küche. Als Conny ihm von Alex erzählt, schweigt Jörg. Ihr Experiment mit der Partnerbörse scheint ihn mehr zu bestürzen als zu verletzen. Er zeigt ihr Bilder von seinen Kindern. Den kleinen Elefanten verstaut Conny in ihrer Tasche, bevor sie spätabends den Heimweg antritt.

***

Bis Ende Juli sehen sich Jörg und Conny noch drei Mal. Sie schreiben sich und telefonieren oft. Dann merkt Conny, dass Jörg viel mehr für sie ist, als ein netter Farbklecks in ihrem Leben. Eigentlich müsste sie mit Alex darüber sprechen. Doch sie traut sich nicht. Deshalb zieht sie ihre Freundin Kim ins Vertrauen.

„Halleluja, Conny! Und das erzählst du mir erst jetzt?“
„Ich wusste ja nicht, worauf das hinausläuft.“
„Na und? Du musst kein schlechtes Gewissen deswegen haben.“
„Ich weiß. Ich habe mehr Angst als ein schlechtes Gewissen.“
„Vor was denn?“
„Davor, dass ich wieder daneben greife.“
„Vielleicht ist dieser Jörg aber auch ganz normal in der Birne. Du wirst es herausfinden müssen. No risk, no fun.“
„Was mache ich jetzt bloß? Alex wird tot umfallen.“
„Blödsinn! Er wird es schon überleben.“
„Morgen fährt er für ein paar Tage mit dem Moped weg. Dann habe ich Zeit, gründlich über alles nachzudenken.“
Kim lacht:
„Mal ehrlich, Conny: Gibt es irgendwas an eurer Beziehung, worüber du in den letzten Jahren noch nicht nachgedacht hättest?“
„Warum bist du nur so grausam direkt, Kimmi.“
„Weil ich nicht deine Therapeutin bin, sondern deine Freundin. … Wo fährt er eigentlich hin, der liebe Alex?“
„Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Es hat mich nicht interessiert. Das ist ganz schön traurig, was?“
„Fährt er allein?“
Conny zuckt mit den Schultern.

Vier Tage nach diesem Gespräch klingelt es an der Wohnungstür. Conny schlendert zur Gegensprech-Anlage:

„Ja, hallo?“

Eine Frauenstimme antwortet:

„Hallo! Ich habe einen Brief für Sie eingeworfen.“

„O.k. Und wer sind Sie?“

„Das ist unwichtig. Lesen Sie ihn einfach.“

Dann ist die Frauenstimme weg. Conny springt zum Fenster und sieht einen gelben Kleinwagen davon brausen. Sie steigt die Treppe hinab, um den Briefkasten zu leeren. Zuoberst findet sie ein nacktes braunes Kuvert. Sie zögert: Hoffentlich kein Giftbrief von Herrn Bärwein … Vorsichtig öffnet sie es. Es enthält zwei Fotos, auf denen Alex mit einer jungen Frau zu sehen ist. Sie stehen neben seiner Harley. Beide in Motorrad-Kleidung. Das Foto ist mit Datumsanzeige: Alex‘ erster Urlaubstag. Auf einem Bild lachen die beiden sich an, auf dem anderen küssen sie sich. Die junge Frau passt gut in Alex‘ Beuteschema. Sie scheinen nicht zu bemerken, dass jemand sie beobachtet.

Ein Zettel liegt den Fotos bei:

✏ Ich dachte, Sie sollten wissen, mit wem Sie zusammenleben. Die Frau auf den Fotos ist meine Freundin. SORRY! Das haben Sie sicher nicht verdient.

Conny steckt alles zurück in das Kuvert. Ihre Magennerven flattern: Schluss jetzt mit Alex‘ Zettelwirtschaft! … Sie steigt die Treppe wieder hinauf und beginnt zu packen. Drei Tage später unterschreibt sie den Mietvertrag für eine möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung. Sie lädt nur ihre persönlichen Sachen ins Auto. Den Rest will sie nicht haben. Als sie die große Wohnung verlässt, in der sie so viele Jahre mit Alex gelebt hat, zieht sie einfach die Tür hinter sich ins Schloss. Ihren Schlüssel hat sie auf der Tastatur von Alex‘ Computer abgelegt.

***

Am 24. September 2012, einem herrlichen Spätsommertag, parkt Conny den Wagen auf ihrem Klinik-Parkplatz. Mit dem Aufzug fährt sie in den dritten Stock, wo ihr Sprechzimmer liegt. Conny kramt in ihrer Manteltasche nach dem Büroschlüssel. Als sie die Hand herauszieht, fällt er klirrend zu Boden.

Im selben Moment öffnet sich die Glastür zur Geschlossenen. Ein junger Mann schlendert hindurch. Die Stahlkette am Hosenbund klimpert bei jedem Schritt. Aus dem Kragen einer viel zu warmen Bomberjacke schält sich der tätowierte Hals des Mannes. Das Metall in seinem Gesicht passt nicht zu den feinen Zügen. Er bückt sich, um Connys Schlüssel aufzuheben. So kann sie die filigranen Ornamente in seinem Nacken bewundern. Dann richtet er sich wieder auf und legt den Schlüssel behutsam in Connys Hand. Für einen kurzen Moment sehen sie sich dabei in die Augen. Sein wasserblauer Blick ist unergründlich. Und gefährlich …, denkt Conny. Doch die Augen lächeln leise. Sie kommen ihr bekannt vor, diese Augen.

Ohne ein Wort zu sagen, verschwindet der junge Mann im Aufzug. Conny sieht ihm nach und vergisst, sich zu bedanken.

Epilog

Die möblierte Wohnung in der Alicenstraße wird für Conny nur eine Übergangslösung sein. Sie fühlt sich nicht heimisch und manchmal verfolgt. Auch wenn Sie Herrn Bärwein im Verdacht hat, glaubt sie doch eher an eine beginnende Paranoia.

Jörg wird Conny helfen, eine Wohnung und Praxisräume in Tübingen zu finden. Conny hat einiges gespart und will versuchen, als Kinder- und Jugendpsychologin neu anzufangen. Nach mehreren Artikeln in interessierten Fachmagazinen spricht sich ihre Harry-Potter-Methode schnell herum. Connys Vater hält sie für sinnlosen #Hokuspokus.

Vier Monate nach der Praxis-Eröffnung wird Conny beim Arzt über erste Wechseljahre-Beschwerden klagen – bis der ihr erklärt, dass das Ausbleiben der Regel mit dem Ei zu tun hat, das in ihrem Uterus nistet. Sie erinnert sich an die Sätze ihres Darmstädter Gynäkologen:
„In Ihrem Alter auf natürlichem Wege schwanger zu werden, wäre wie ein Sechser im Lotto. Sie sind zwanzig Jahre lang kein einziges Mal schwanger geworden, obwohl Sie nicht verhütet haben. Machen Sie sich keinen Kopf deswegen. Genießen Sie ihre neue Liebe einfach.“

Nach dem ersten Schock werden Conny und Jörg beschließen, sich über den Sechser im Lotto zu freuen. Die kleine Greta muss per Kaiserschnitt geholt werden, weil sie sich weigert, Connys sicheren Bauch zu verlassen. Während der gesamten Schwangerschaft ist Renate Krämer außer sich vor Sorge. Doch sie verbietet sich und ihrem Mann, auch nur ein einziges Wort über die ganze Sache zu verlieren. Herr Krämer ist ohnehin sprachlos.

Jim Stöcker muss sich nun leider nach einem neuen Seelentröster umsehen. Sein Bruder Luis atmet erleichtert auf.

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