Knoten 5: Trauer

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Luis-24-Sozialhilfe-Empfänger

Darmstadt, 24. September 2012

Luis sieht die Ärztin seines Bruders im Spalt der Aufzugstüren verschwinden. Ihr Kopf scheint auf Hochtouren zu arbeiten. Als sei sie gerade einem Alien begegnet …, denkt er und grinst in sich hinein. Äußerlich merkt man davon nichts. Ich kann verstehen, warum er so gern hierher kommt, statt mal in eine andere Klinik zu gehen, was mir viel lieber wäre.

Luis sieht auf seine Hand hinab. Er öffnet die schwer beringte Faust und begutachtet den zerknitterten Papierschnipsel darin. Der rote Zettel ist der Ärztin mit dem Schlüssel aus der Tasche gefallen. Ein Abholschein einer Reinigung. Die Reinigung liegt in einem sehr guten Wohnviertel von Darmstadt, das er kaum betritt. Er könnte es morgen einmal auskundschaften und in der Reinigung vorbeischauen. Mal sehen, was die Frau Doktor dort abgegeben hat. Vielleicht ist ja was für Slava dabei. Sie freute sich über Geschenke.

Der Fahrstuhl hält einige Male auf dem Weg nach unten. Leute steigen ein: Leute mit kranken Gesichtern, Leute mit traurigen Gesichtern, Leute mit grimmigen Gesichtern. Von den Geburten abgesehen, waren Kliniken kein Ort der Freude.

Als der Fahrstuhl im Erdgeschoss ankommt, wartet bereits eine Menschen-Traube davor: Menschen mit müden Gesichtern, Menschen mit angsterfüllten Gesichtern, Menschen mit ratlosen Gesichtern. Luis kennt sie alle, die Gesichter des Schmerzes und der Verzweiflung. Einigen davon kann er gelegentlich Entspannung verschaffen. Genau genommen, dealte er mit guter Zeit.

Luis zwängt sich an den Menschen vorbei, die schon in den Fahrstuhl drängen, obwohl noch nicht alle aussteigen konnten. Energisch setzt er sich den Dränglern zur Wehr. Eine Frau mit Kopftuch, die er unsanft zur Seite drückt, ruft ihm aufgebrachte türkische Wörter nach. Alles gut, Suleika. Lern doch erst mal Deutsch …, denkt er, die Hände tief in den Taschen seiner Bomberjacke vergraben. Auch davon merkt man äußerlich nichts.

Draußen auf der Straße beschleunigt Luis seinen Schritt. Er hat das Auto – einen mattschwarz lackierten Audi 90 – drei Straßen weiter im Halteverbot stehen. Luis zieht einen alten Strafzettel aus dem Wischerblatt und legt ihn zurück zu den anderen ins Handschuhfach. Dann lässt er den Motor an und wendet über zwei durchgezogene Linien hinweg. Ein entgegenkommendes Auto hupt, doch Luis verzieht keine Miene. Er gibt Gas. Sein Kofferraum ist voller Päckchen und Kuverts, die heute noch ausgeliefert werden müssen. Die Kundschaft mag keine Verspätung. Deshalb kümmert sich Luis um den Versand lieber selbst. Da traut er keinem. Nicht mal seinem Bruder – selbst wenn der zwischendurch mal clean war. In freier Wildbahn hielt Jim das nie länger als ein paar Tage, maximal zwei Wochen durch.

Das Methadon schlägt gut an. Jims Haut sieht gesünder aus und seine Pupillen haben wieder eine normale Größe. Wenn der Idiot bloß die Finger vom Heroin lassen würde. Jetzt, wo alles so gut läuft … Ironischerweise trägt Jims Drogen-Abhängigkeit mit dazu bei, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Der Gedanke hinterlässt einen fahlen Geschmack in Luis‘ Mund. Er tritt das Gaspedal weiter durch. Im Zickzack-Kurs überholt er die anderen Autos auf der breiten Ausfallstraße, schneidet dabei einen Mercedes, dessen Abstandskontrolle sofort anschlägt. Mehrere Reifenpaare quietschen. Einfach nicht so dicht auffahren, Leute! … Sein Blick ist ungerührt auf die Ampel gerichtet, die gerade auf Orange schaltet. Er gibt Gas und lässt die anderen Autos vor der Ampel zurück.

Nachdem er seine Ware beim Kurierdienst abgeliefert hat, fährt Luis zu Wenzel. Sie haben ihren vorerst letzten Termin. Sieben Sitzungen liegen schon hinter ihnen. Wenzel betreibt ein kleines Tattoo-Studio in der Nähe des Darmstädter Bahnhofs. Heute wird er das Skull-Tattoo um Luis’ linke Brustwarze herum vollenden: einen Pegasos, auf dessen sehnigem Rücken ein Sensenmann reitet. Die heutige Sitzung will Wenzel einer zertretene Rose unter dem Hinterhuf des aufgebäumten Pferdes widmen. Zwei Stunden haben sie eingeplant.

Wenzels Arbeit ist Kunst am Körper. Er beherrscht sein Metier. Als abgebrochener Grafikdesigner hat Wenzel ein Faible für filigrane Motive. Dafür ist er über die Stadtgrenze hinaus bekannt. An den Wänden seines Studios hängen Fotos von prominenten Kunden, Medaillen und Auszeichnungen. Das hat seinen Preis. Luis bezahlt ihn gern – zumeist in Naturalien. Für die Tinte in seiner Haut hätte er sich auch einen Mittelklasse-Wagen leisten können.

Luis betritt den kleinen Laden, aus dessen Hinterzimmer ihm das Summen der Rotary entgegenschnurrt. Sonst hört man nichts. Wenzel spricht nicht bei der Arbeit, und alle wissen das. Bevor er loslegt, setzt Wenzel sich einen Kopfhörer mit Death Metal auf die Ohren. Wer reden oder jammern wollte, sollte woanders hingehen. Als Kunde hörte man stundenlang nichts als das zermürbende Geräusch der Tätowier-Maschine. Nur wenn Wenzel die Maschine umrüstete, durfte man sich kurz bewegen.

Luis wartet geduldig. Nach einigen Minuten hört er, wie Wenzel die Tätowier-Pistole reinigt.
Zum Glück ist er da pingelig …, denkt Luis. Ein Rascheln verrät, dass sich im Nebenzimmer jemand anzieht, während sich der Perlenvorhang teilt und Wenzel in den Ladenraum tritt:
„Hi, Luis.“
„Hi, Wenzel.“
„Ist gleich frei.“
„O.k.“
Wenzel notiert etwas in seinem großen Lederbuch, das auf der Theke liegt. Dann bückt er sich, stellt einen Karton mit neuer Tätowier-Farbe auf den Tresen und entnimmt ihm zwei Ampullen. Auch das notiert er in seinem Lederbuch. Ohne aufzublicken sagt er:
„Schieb mal rüber.“
Luis greift in seine Bomberjacke und zieht einen wattierten Umschlag hervor. Er legt ihn auf die Theke und Wenzel nickt.

Als sich der Perlenvorhang zum zweiten Mal teilt, erscheint eine Frau mit langen Beinen in schwarzen Latex-Hosen und Springerstiefeln. Der Ausschnitt des weiten Oberteils legt ihre rechte Schulter frei. Es ist eine fein definierte Schulter, über der sich zwei knöcherne Hände verschränken. Direkt auf dem Hügel des Schulterblatts thront eine Gottesanbeterin. Das muss höllisch wehgetan haben …, bemerkt Luis mitfühlend, ohne es auszusprechen. Eine Efeuranke, deren Zartheit nur Wendels Händen entsprungen sein konnte, schlängelt sich am Schlüsselbein entlang und verschwindet in einem vielversprechenden Dekolleté. Die Frau beachtet ihn gar nicht. Ihr silbergrau gefärbtes Haar fällt schnurgerade im Rücken bis zur Taille herunter. Da sie keine 30 ist, verleiht ihr das etwas Überirdisches.

„Muss eine harte Sitzung gewesen sein …“, folgert Luis aus ihren angespannten Zügen. Auch Wenzel sieht sie prüfend an und stellt ein Glas Wasser für sie auf die Theke. Die Frau nickt dankbar und trinkt.
„Du weißt Bescheid?“, fragt Wenzel, worauf sie schweigend ein Bündel 50-Euro-Scheine aus ihrer Tasche zieht und neben das leere Wasserglas legt. Wenzel schließt das Geld zusammen mit Luis’ Kuvert hinter sich im Schrank ein. Als sie den Laden verlässt, bleibt eine süßliche Wolke aus Schweiß und Parfum im Zimmer hängen. Die Männer sehen ihr nach, wie sie majestätisch die Straße überquert. Dann wendet sich Wenzel wieder seinem Lederbuch zu.

„Schönes Tattoo“, bemerkt Luis beiläufig.
„Ja, leider nicht nur von mir.“
„Sieht man aber nicht.“
Wenzel schüttelt den Kopf:
„Die Gottesanbeterin ist total verpfuscht!“
„Wenn du das sagst, wird es so sein.“
„Ist so. Wäre sie mal früher gekommen.“
„Und wie geht’s unter dem T-Shirt weiter?“
Der Tätowierer grinst zum ersten Mal und entblößt einen Brilianstein im Schneidezahn.
„Los, fangen wir an, du Träumer. Dann kommst du auf andere Gedanken. … Alter! …“

Zweieinhalb Stunden später lenkt Luis seinen Audi Richtung Arheiligen. Über seinem linken Rippenbogen sticht das neue Tattoo. Wenzel hat ein Mullpflaster über die Arbeit geklebt, damit sich sein Werk nicht entzündet. Der Mensch ist ihm eigentlich egal. Luis parkt den Wagen auf einem Behinderten-Parkplatz am Straßenrand. Niemand sonst beansprucht diesen Parkplatz direkt vor dem Hochhaus, in dem er mit seinem Bruder wohnt. Er ist mit den Jahren stillschweigend in Luis’ Besitz übergegangen.

Trotz seines jungen Alters wird Luis Stöcker im Viertel wie eine graue Eminenz behandelt. Keiner will sich mit ihm anlegen. Wenn möglich, gehen die Nachbarn ihm aus dem Weg. Wer neu dazu zog, erfuhr binnen kurzer Zeit von der mitleiderregenden Geschichte der armen Stöcker-Buben, die in Details variierte. Zum Beispiel so:
„Mit Luis ist nicht zu spaßen. Der lacht nie. Beide Eltern verloren. Die sind sternhagelvoll vom Dach gefallen oder so. Jetzt versucht er, seinen kleinen Junkie-Bruder durchzubringen. Das muss man einfach anerkennen. Lasst ihn am besten in Ruhe. Er tut keinem was.“

Luis dreht den Schlüssel herum und stemmt sich gegen die schwere Glastür. Dahinter liegt der schmutzige Windfang mit den besprühten Briefkästen. In seinem findet Luis einen Stapel Werbeblätter und Kuverts. Die Werbung wirft er wie alle anderen auf den Boden, die Briefe klemmt sich Luis zwischen die Zähne. Im Aufzug beginnt er, die Kuverts aufzureißen: Strafzettel und Rechnungen. Die meisten zerknüllt er gleich. Vor der zweiten Mahnung zahlt er nie. Ein Brief ist vom Sozialamt. Was wollen die schon wieder …, stöhnt er leise.

Im neuenten Stock angekommen zwängt sich Luis an den beiden Kinderwagen vorbei, die seine armenischen Nachbarn im Flur parken, als wäre er Teil ihrer Wohnung. Die Schuhe der Familie stehen geordnet auf einem kleinen Teppich direkt daneben. Im Flur riecht es nach Fußschweiß, Knoblauch und Kreuzkümmel. Das Gemisch schlägt Luis schon am Aufzug entgegen. Er hasst diesen Moment, beschwert hat er sich noch nie. Die Nachbarn nehmen dafür Luis‘ Pakete entgegen, die er täglich von Versand-Apotheken erhält, und stapeln sie kommentarlos vor seiner Wohnungstür. Es kommt selten jemand ins obersten Stockwerk, der sich für Luis’ Pakete interessieren könnte.

Luis schließt die Wohnungstür auf, schiebt mit dem Fuß die Pakete in die Diele und geht hinüber zum Wohnzimmer, das sie schon lange nicht mehr als solches nutzen. Ein Fünftel des Raums ist durch eine Trennwand abgeteilt, in deren Mitte eine Stahltür eingelassen ist. Sie steht weit offen, weil Jim in der Klinik ist. Sonst wäre sie mit einem Sicherheitscode, den nur Luis kennt, verriegelt. Wenn sie mal Besuch bekamen, schoben Jim und Luis einen großen alten Kirschholz-Schrank vor die Tür, damit niemand sie sehen konnte. Das kam selten vor. Die wenigen Leute, die zu ihnen kamen. wussten ohnehin von der Tür. Außer dem Schrank standen ein Schreibtisch, eine beige Couch-Garnitur und ein kümmerlicher Gummibaum im vorderen Teil des Zimmers.

Hinter der Trennwand, stieß man auf Metallregale mit Kartons, Plisterfolie und Kuverts, alles ordentlich nach Größen sortiert. Den Rest der Regale füllten Plastik-Boxen mit Medikamenten-Schachteln: Opioide, Sedativa, Stimulanzien –­ sorgfältig etikettiert. In einer kleinen Mülltonne lagen abgelaufene Arzneimittel. Jim hat die Tonne im Hof eines baufälligen Hauses entdeckt. Keiner schien sie zu vermissen. Wenn die Müllabfuhr kam, stellten Luis oder Jim sie vorne an die Straßenecke, damit niemand sie zuordnen konnte. Für den Fall, das jemand hineinsah, versteckten sie die Schachteln zwischen stinkenden Abfällen in Müllsäcken. Die Nachbarn scherte es nicht darum, wenn die Stöcker-Buben eine übelriechende Tonne durch den Flur und in den Aufzug schoben. Die beiden Jungs hatten viel durchgemacht. Da hielt sich jeder Augen und Nase zu.

***

Mieter, die länger als vier Jahre hier wohnten, erinnerten sich lebhaft an den Tag, als die Straße abgesperrt war. Ein schreckliches Spektakel! Feuerwehr, Polizei, Leichenwagen: Sie alle waren wegen Vera Stöcker gekommen, die den Sturz vom Dach des Hochhauses natürlich nicht überlebt hatte. Erst 42 Jahre alt war sie gewesen. Sechs Monate zuvor hatte sie ihren Mann Klaus beerdigen müssen. Leberkrebs. Wunderte keinen. Und im Grunde, meinten die Nachbarn, war die arme Frau auch besser dran ohne diesen Trunkenbold. Eine schlimme Geschichte! Vor allem für die beiden Söhne. Da waren sich alle Nachbarn einig.

Als Jim auf dem Heimweg von der Schule auf die gaffende Meute gestoßen war, hatte er sich ungehindert seinen Weg bis in die erste Reihe bahnen können. Dort stoppte ihn ein älterer Polizist, der nach Feststellung seiner Personalien einen Kollegen anwies, den Jungen aufs Revier zu bringen, wo sich eine Psychologin um ihn kümmern sollte. Jim gab keinen Ton von sich. Sehr erschüttert wirkte er nicht. Eher überrascht.

Luis war bereits zwanzig und sammelte seinen Bruder wieder ein, nachdem die Polizei ihn an seinem Arbeitsplatz informiert hatte. Die armenischen Nachbarn wussten, wo Luis jobbte. Vera Stöcker hatte immer gern über ihre Söhne gesprochen. Luis mochte den Job nicht, aber die Kohle reichte für ihn. Nun fühlte er sich allerdings für seinen kleinen Bruder verantwortlich. Wegen eines YouTube-Videos, zu dem seine Mutter vor dem Sprung noch in einer letzten E-Mail an ihn verlinkt hatte. Als er ihn öffnete, stockte sein Herz. Die Mutter sah ihm direkt in die Augen und fing an, sich zu bewegen. Offensichtlich war sie dabei, den richtigen Platz vor der Kamera zu finden. Ihre Augen hatten den Abwesenheitsschleier, den er viel zu gut kannte. Dann sprach sie zu ihm:

⏩ „Hallo mein Großer.

Pause.

 ⏩ Mein lieber, lieber Luis.

Tränen kullerten über ihre Wangen. Sie wischte sie mit der Hand weg und versuchte, sich zu konzentrieren.

⏩ Wenn du das hier siehst, bin ich hoffentlich tot. Bitte denkt nicht, dass es irgendwas mit euch zu tun hätte. So ist das nicht. Ich kann nur ohne Klaus nicht leben. Ich schaffe das nicht allein. Es kann auch für euch nicht gut sein, mich so zu sehen. Ich vermisse ihn ganz schrecklich und sehe keinen Sinn darin, diesen Schmerz weiter auszuhalten. Versucht bitte, uns zu verzeihen, dass wir euch allein gelassen habe. Denkt nicht schlecht über uns.

Die Tränen tropften jetzt von ihrem Kinn. Er spürte sie an seinem Hals herabrinnen.

⏩ Vergesst nie, dass ich euch sehr lieb habe. Auch Papa hat euch wirklich geliebt. Er konnte es nur nicht zeigen. Bleibt unbedingt zusammen. Das ist alles, was ich mir noch wünsche. Und wenn die in der Kirche recht haben, dann werden euer Vater und ich von da oben auf euch aufpassen. Aber jetzt, Luis, musst du erst mal auf Jim aufpassen. Du warst immer der Stärkste von uns allen. Ich zähle auf dich, mein Großer.“

Dann kam Veras Hand auf ihn zugeflogen und es wurde schwarz vor seinen Augen.

Wer hat ihr verdammt noch mal gezeigt, wie man Videos in YouTube einstellt? …, fragte sich Luis. … Jim darf dieses Video niemals zu Gesicht bekommen … Doch es war jetzt öffentlich und er sah keine Möglichkeit, es bei YouTube zu löschen. Darunter waren bereits 842 Views und 753 Likes zu sehen. Wahrscheinlich würden die Zahlen in den nächsten Stunden rasant steigen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch Jim darauf aufmerksam wurde. Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte! …, stöhnte Luis leise mit tobender Wut im Bauch. … Und ihr verpisst euch einfach! …

Am nächsten Tag räumten die Brüder das elterliche Schlafzimmer aus. Jim konnte die übertriebene Eile seines Bruder nicht nachvollziehen. Doch Luis wollte es unbedingt so. Damit er endlich sein eigenes Zimmer bekäme. Das überzeugte Jim. Beim Räumen fiel ihm ein Notizbuch seiner Mutter in die Hand. Der letzte Eintrag war vom Tag vor dem Sprung:

   ✏ Batterien und Müllsäcke kaufen.

Fassungslos starrte Jim auf die vier Wörter, bis Luis ihm das Büchlein aus der Hand riss und in einen der blauen Müllsäcke stopfte, die Vera offenbar noch besorgt hatte. Sie waren jetzt sehr nützlich.
„Warum hat sie das getan, Luis? Wegen Papa? Sie haben sich doch dauernd nur gestritten! Weißt du noch, wie oft Mama damit gedroht hat, sich scheiden zu lassen?“
Luis versenkte mit trügerischer Seelenruhe weiter sie Kleider seiner Eltern in Müllsäcken:
„Keine Ahnung, Jim. Ich glaube, ich will das auch gar nicht wissen. Es ist wie es ist. Hör auf, darüber nachzudenken. Wir haben damit nichts zu tun.“

Luis hatte beschlossen, die Vergangenheit loszulassen. Trotzdem hatte Jim natürlich recht. Solange er zurück denken konnte, hingen sich Vera und Klaus wegen jedem Scheiß sofort an der Kehle. Bestenfalls waren nur böse Wörter hin und her geflogen. Schlimmstenfalls auch Gegenstände. Wenn Jim dann zu schlichten versuchte, musste Luis ihn aus der Schusslinie bringen. Sie spielten im Kinderzimmer, bis sich der Sturm draußen wieder legte.

Zwischen den Kämpfen betäubte sich die Eltern mit Tabletten und Alkohol. Das machte die Familie kaputt. Klaus ging schneller zugrunde als Vera. Er trank schon länger. Als sie ihn das erste Mal ins Krankenhaus einliefern mussten, war es zu spät, um zur Vernunft zu kommen. Seltsamerweise wurde es damit ganz friedlich im Hause Stöcker. Als hätten Vera und Klaus ihre anfängliche Liebe wiederentdeckt. Auch das zu spät. Sie begruben Klaus nur wenige Wochen später an einem grauen Regentag. Außer Vera, Luis und Jim war niemand zugegen.

Von da an ging es mit Vera noch steiler bergab. Ohnmächtig sahen die beiden Jungs zu, wie ihre Mutter die Pillen inhalierte, die sie von unterschiedlichen Ärzten verschrieben bekam. Erst Schlaftabletten und Antidepressiva, dann Opioide wegen angeblich unerträglicher Schmerzen. Gerne auch in Kombination. Wenn es ganz schlimm kam, nutzte sie Klaus‘ Spirituosen-Reste, um das Zeug hinunterzuspülen. Abends faselte sie oft wirres Zeug.

Vera wechselte häufig die Ärzte. Selten nahm sich einer von ihnen die Zeit, Veras Arznei-Historie zu erfragen. Stets begannen sie wieder bei Null und verordneten munter darauf los. So kam es, dass Luis beim Aufräumen auf ein beachtliches Psychopharmaka-Lager stieß: unzählige angebrochene Packungen, die irgendwann durch ein anderes Medikament abgelöst worden waren. Allesamt verschreibungspflichtig. Luis fragte sich, warum Vera am Ende nicht diesen Weg gewählt hatte, sondern den schmerzvollen. Doch er witterte sofort, dass er auf eine Goldader gestoßen war und sicherte seinen Fund.

Trotz seiner Volljährigkeit wollten sie ihm das Sorgerecht für Jim nicht übertragen. Andere Verwandte gab es nicht, die sich um den kleineren Bruder hätten kümmern können. Klaus war kurz nach der Wende aus Bautzen zurückgekehrt, wo ihn die Stasi drei Jahre durch den Wolf gedreht hatte. Er wäre der DDR problemlos durch eine kleine Mauerritze entkommen. Aber die Mauer gab es nicht mehr und so zogen sie in den Westen, ließen alles hinter sich. Es änderte nichts an der Mauer in Klaus‘ Kopf. Sie blieb undurchdringlich.

Das Jugendamt plädierte für eine Pflegefamilie. Da nahm Luis sich einen Anwalt. Für ihn stand fest, dass er nun Familien-Oberhaupt war. Er würde für seinen Bruder sorgen, bis er auf eigenen Füßen stehen konnte. Er gewann und sie behielten die Sozialwohnung in Arheiligen, damit Jim die Schule nicht wechseln musste. Seine Leistungen waren gut, und mit etwas Glück würde er das Abitur schaffen. Einige Nachbarn halfen aus, wo sie konnten, doch Luis passte es nicht, dass die Leute sich in ihr Leben einmischten. Er brauchte keine Hilfe. Von niemandem. Das vermittelte er deutlich.

Nachts, wenn Jim schlief, recherchierte Luis im Internet und legte Karteikarten an. Studien bestätigten seine Vermutung, dass es immer mehr Medikamenten-Abhängige gab und folglich einen florierenden Schwarzmarkt. So gründete Luis Schachtel um Schachtel sein Psychopharmaka-Imperium im Deep Web – dem Teil des Internets, den Google nicht findet.

Veras Medikamenten-Vorrat war schnell aufgebraucht. Jetzt ging es darum, Nachschub zu organisieren. Zuerst sah er Todesanzeigen durch und kontaktierte die Hinterbliebenen als Mitarbeiter eines Spezial-Dienstleisters, der sich um die sachgerechte Entsorgung von Medikamenten kümmerte, damit sie nicht in falsche Hände gerieten. Hierfür hatte er sich einen Mitarbeiter-Ausweis gebastelt. Die trauernden Menschen fanden das sehr nützlich und waren froh, dass jemand vorbei kam, um sie abzuholen. Es war nicht immer etwas Verwertbares dabei. Was er nicht brauchen konnte, warf Luis in den nächsten Abfalleimer.

Luis suchte auch nach Leuten, die wie seine Mutter an einer Überversorgung litten und bereit waren, sich gegen ein kleines Entgelt von ihren Pillen zu trennen. In bestimmten Kreisen sprach sich so etwas schnell herum. Bald schon kontaktierten diese Leute ihn. Luis entwickelte schnell ein gutes Gespür dafür, wem er in diesen Kreisen vertrauen konnte Was dabei herum kam, genügte neben dem Kinder-, Sozial- und Arbeitslosengeld, um seinen Job an den Nagel zu hängen und den Tablettenhandel zu professionalisieren. Unter seinen Kunden fand er schließlich einen Informatik-Studenten, der vorschlug, einen Webshop im Tor-Netzwerk zu bauen. Im Gegenzug beteiligte Luis den jungen Mann an seinen dunklen Geschäften.

Zutritt zum Webshop erhielten Interessenten nur über Luis’ gefakte Facelook-Seite, wo er sich unter falschem Namen als Hobby-Gärtner und Kräuter-Experte ausgab. Wer in Luis Shop einkaufte, wusste genau, welcher pharmazeutische Wirkstoffe sich hinter den Kräuternamen verbarg. Die Geschäftsanbahnung startete, wenn ein Neukunde bei Luis’ eine Freundschaftsanfrage stellte. Bevor Luis darauf reagierte, musste ein gemeinsamer #Freund bestätigt haben, dass es sich um einen volljährigen und zahlungsfähigen Kunden handelte. Klagte der neue Kunde über Läusebefall an einer Verbena Officinalis, wusste Luis, dass Benzodiazepin benötigt wurde, was wiederum nur einer seiner Kunden übersetzt haben konnte. Bezahlt wurde bar per Post. Sobald der Geldbrief in Luis‘ Postfach lag, wurde die Ware per Kurierdienst verschickt. So die Regeln. Es lief gut. Bisher hatte es keine unangenehmen Zwischenfälle gegeben.

Bis Jim aus dem Ruder lief. Seine Drogen-Karriere startete mit dem Marihuana, das der Informatik-Student ihm freundschaftlich zusteckte. Er arbeitete sich vor bis zu Heroin von Dealern, die er mit entwendeten Kleinbeträgen aus Luis‘ Kasse bezahlte. Luis‘ war ein guter Händler, aber mit Zahlen wusste er nicht umzugehen. Als Sozialhilfe-Empfänger konnte er seine Einnahmen auch schlecht zur Bank bringen. Folglich lag es ebenfalls in der Kammer hinter dem Wohnzimmer-Schrank. Als Jim zum ersten Mal auf Entzug ging, ließ Luis dort einen Safe einbauen.

Das Letzte, was Luis brauchen konnte, war ein Drogen-Junkie in der Familie. Kaum in der Klinik, fing Jim an, Rezeptblöcke zu klauen und Unterschriften zu fälschen. Er brachte Luis auf neue Ideen, wie sich ihr kleines Business zu einer größeren Unternehmung ausbauen ließ. Inzwischen arbeitete ein ganzes Netzwerk von Rezeptblock-Diebinnen für Luis. Die Frauen kamen überwiegend aus Osteuropa und waren als Reinigungskräfte bei Ärzten und Kliniken angestellt. Sie ließen dort Rezeptblöcke mitgehen und lösten die Privat-Rezepte in Apotheken ein, die Luis ausstellte. Dafür zahlte er eine Provision. Es lief erst mal wieder.

Zum Glück war Jim jetzt volljährig. Mit Hängen und Würgen hatte er das Abitur geschafft. Auf eigenen Füßen würde er wohl nie stehen – genau wie seine Mutter.

***

Luis schiebt die neuen Mahnungen unter die alten, die auf dem Schreibtisch vor sich hin gähnen. Er zieht vier Rezeptblöcke von Dr. Cornelia Krämer, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, aus seiner Bomberjacke und legt sie in die Schreibtisch-Schublade zu den anderen Rezeptblöcken. Jim hatte sie bei seinen letzten Therapie-Sitzungen eingesteckt. Bisher war das keinem aufgefallen. Trotzdem wäre es Luis wohler, wenn Jim die Klinik ab und zu wechseln würde.

Die Klingel reißt Luis aus seinen Gedanken. Er wirft einen Blick auf die Uhr: einen TAG-Heuer-Chronographen, den alle für Fake halten, die ihn nicht besser kennen, und das tut keiner. 17:00 Uhr. Die Stunde von Slava. Sie kommt täglich zur gleichen Zeit. Luis geht zur Gegensprech-Anlage und drückt den Knopf:
„Slava, bist du das?“
„Ja, mein Schatz, was sonst.“
Er öffnet ihr die Haustür und wartet einige Minuten, bis sie mit dem Aufzug nach oben gefahren ist. Erst als er ihre Schritte im Flur hört, öffnet Luis die Wohnungstür. Slava steht im roten Stretchkleid auf schwindelerregenden Plateau-Sohlen vor ihm. Das schwarze Haar ist streng zum Pferdeschwanz zurückgebunden, was ihre hohen Wangenknochen betont. Slava ist die netteste Erscheinung in Luis‘ Crew und die Zuverlässigkeit in Person. Deshalb hat Luis ihr die Rolle der Teamleiterin übertragen. Sie hilft ihm auch bei den Finanzen.

Slava wirbt Mitarbeiterinnen an, sammelt frische Rezeptblöcke ein und bringt sie zu Luis. Sie holt die fertigen Rezepte und das Geld bei Luis ab, mit dem ihre Mädels die Rezepte in Apotheken einlösen, die sie aussuchte. Sie selbst betreute nur die Online-Apotheken. Ihr Organisationstalent ist beeindruckend, was Luis ab und an mit einem Geschenk honoriert, das zum Ausdruck bringen soll, wie wertvoll sie für ihn ist.

Slava strahlt ihn an:
„Hi Luis.“
„Hey Slava.“
Sie schiebt ihre dralle Oberweite zu dicht an Luis vorbei in die Diele. Er zuckt zusammen. Das frische Tattoo meldet sich – und etwas zwischen seinen Beinen. Beides lässt er sich nicht anmerken. Gemächlich schlendert Slava durch den Flur auf die Wohnzimmertür zu. Sie kennt die Wirkung ihrer Rückenansicht. Luis geht ihr nach, nimmt ihr die Kühltasche aus der Hand und bringt sie in die Kammer hinter der Stahltür. Von dort aus beobachtet er Slava, wie sie Rezeptblöcke und Rezepte auf dem Schreibtisch ablegt, die ihre Mitarbeiterinnen in der letzten Woche verschrieben bekommen haben. Damit kann Luis die Unterschriften der Ärzte kopieren. Im Gegenzug wandert ein brauner Umschlag in Slavas Einkaufstasche. Das war’s. Der geschäftliche Teil ist abgeschlossen.

Langsam geht Slava auf Luis zu, den die Eleganz ihres täglichen Rituals beeindruckt. Es liegt viel Schönheit in ihrer Präzision. Luis weiß, was als Nächstes folgt, und kann sich wegen des frischen Tattoos nur mäßig darauf freuen. Sachte hält er Slava auf Abstand.
„Was is los mit disch, Luis?“
„Mit DIR.“
„Egal.“
„Das neue Tattoo schmerzt noch.“
Sie lächelt.
„Ooh … arme Luis. Tut noch weh – was? Zeig mal.“
Slava knöpft sein Hemd auf und puhlt mit roten Nägeln das Mullpflaster seitlich ab, damit sie einen Blick auf Wenzels Arbeit werfen kann. Bewunderung und Mitleid huschen über ihr Gesicht. Dann klebt sie das Pflaster wieder fest und beginnt, Luis um das Pflaster herum zu küssen. Ihr Lippenstift hinterlässt keine Spuren. Bei so etwas sparte Slava nicht. Mit der Zungenspitze umkreist Slava Luis’ andere Brustwarze, was ihn weiter erregt. Es war unmöglich, ihr zu widerstehen. Sie war zu gut – bei allem, was sie tat. Dass sie jetzt kein Geld mehr mit dieser Art von Können verdienen musste, dankte sie Luis auf ihre Weise.

Slava und Luis pflegen keine Beziehung im klassischen Sinne. Doch sie tun sich gut und das ist viel besser. Mit wenigen geübten Griffen öffnet Slava Luis’ Hose. Dann geht sie vor ihm auf die Knie. Luis fragt sich, ob ihr Kleid das wohl mitmacht. Tut es.
„Arme Luis. Tut disch das auch weh?“
„… dir …“, stöhnt Luis leise. Er hat seine Schmerzen für einen Moment vergessen.

Nachdem Slava gegangen ist, sortiert Luis die neuen Medikamente in das Regal hinter der Stahltür ein. Er geht die Plastik-Boxen noch einmal durch und notiert, wo Nachschub fällig ist. Das Ritalin wird knapp. Auch die Nootropika gehen zur Neige. Sie sind im Moment bei Managern sehr angesagt. Von den Durchfallmitteln hat er zu viel. Jims Idee. Aber offenbar weiß kaum jemand, wie man einen Heroin-Ersatz daraus herstellt, und Luis will keine Kochrezepte zu seinen Kräutern veröffentlichen.

Er setzt sich an den Schreibtisch und stellt Privat-Rezepte aus. Die Signatur von Dr. Krämer fließt ihm ganz leicht aus dem Handgelenk. Er hat sie schon hundert Mal gefälscht. Die fertigen Rezepte steckt er in einen braunen DIN-A4-Umschlag. Dann zählt er das Geld passend dazu ab. Knapp 4.000 Euro wandern mit in den Umschlag. Abzüglich aller Kosten und Provisionen erwirtschaftete er 20 Prozent Marge pro Tag. Steuerfrei. Luis‘ will sich am Drogengeschäft nicht bereichern, sondern zu zweit gut davon leben können. Es freute ihn, dass er auch Slava und ihren Mädels ein angenehmeres Leben damit verschaffen kann.

Nachdem Luis alle Bestellungen bearbeitet hat, widmet er sich seinem Webshop. Es gibt eine neue Freundschaftsanfrage von Gregor P:

>hallo kräutermann, ich habe im mai papaver somniferum ausgesät, aber er ist nicht aufgegangen. ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe? loretta r. sagt, ich soll dich mal fragen. du würdest dich da auskennen. >>

Und gleich darunter ein Post von Loretta R.:

>hi luis, nicht wundern, ich habe gregor p. deine Adresse gegeben. weil er probleme mit seinen papaver pflanzen hat. vielleicht kannst du ihm helfen. >>

Vorbildlich. Die Neukunden-Anbahnung für Fentanyl, ein starkes Opioid, ist abgeschlossen. Gregor P. hat offenbar einen Bedarf, den sein Arzt nicht mehr bereit ist zu stillen. Luis interessiert es nicht, was andere mit ihrem Körper anstellen, so lange sie ordentlich zahlen. Deshalb antwortet er:

>hi gregor, ich kann dir neue samen schicken. hier ist der Bestelllink. >>

Luis steht auf, streckt sich müde und geht in die Küche. Hier stapelt sich seit Tagen das dreckige Geschirr in der Spüle. Wenn Jim nicht da ist, mutiert Luis zum Messie. Auch das ist Teil ihres Deals: Luis schafft die Kohle ran und Jim kümmert sich um den Haushalt.
Eingespielt wie ein altes Ehepaar …, denkt Luis. … Vielleicht kann ich ohne Jim ja auch nicht mehr leben … Dann zieht er die Tür hinter sich ins Schloss und geht einen Hamburger essen.

Am nächsten Morgen fährt Luis ins Steinberg-Viertel. Er stellt seinen Wagen auf einem Behinderten-Parkplatz vor einer Reinigung ab. Direkt daneben liegt eine Apotheke. Beiläufig späht er hinein und zählt die Kundenschalter. Ab fünf Schaltern ist eine Apotheke für ihn erst interessant. Eine große Klientel und wechselndes Personal senken das Risiko, dass seine Einkäuferinnen wiedererkannt werden.

Luis notiert die Adresse für Slava und öffnet die Ladentür zur Reinigung. Beim Geräusch der Türglocke schlurft ein Mann lustlos vor zum Tresen, wo ihm Luis den roten Abholschein der Ärztin übergibt. Der Mann zieht die Lesebrille vom Scheitel auf die Nase und blickt auf den Beleg. Seine zusammengezogenen Augenbrauen verunsichern Luis. Vielleicht war das Ganze doch keine so gute Idee? Ohne ein Wort zu verlieren schlurft der Mann weiter zu einer runden Kleiderstange. Er lässt sie im Kreis fahren und hält sie manchmal an, um auf einen der kleinen Zettel zu schielen, die oben an den Kleiderbügeln hängen. Endlich findet er das richtige Teil, kommt zurückgeschlurft und legt eine in Folie gehüllte Lederjacke vor Luis auf den Tresen:
„Hätte nicht gedacht, dass die nochmal einer abholt … Naja, bezahlt ist es ja, das gute Stück. Ich hoffe, die Frau Doktor ist wieder zufrieden mit uns. Sonst noch was?“
Ohne zu antworten holt Luis die Lederjacke aus der Folie:
„Ist sie sicher.“
Eine JOOP!-Lederjacke mit starken Gebrauchsspuren, die ihr etwas Besonderes verleihen. Gut gepflegt, aber für die zierliche Slava zu groß. Ihm könnte die Herrenjacke passen. Genau das Richtige für diese Jahreszeit …, denkt Luis. In einem guten Moment hätte seine Mutter #Übergangsjacke dazu gesagt. Nicht, wenn sie faselte. Dann hätte sie ein solches Wort nicht aussprechen können. Luis greift in das weiche Leder und weiß, dass er dieJacke behalten möchte. Er hängt sie über seinen Arm und steuert auf die Ladentür zu:
„Tu mal was gegen deine miese Laune, Alter.“
Der Reinigungsinhaber folgt Luis mit bösem Blick.
„Rotzbengel!“

Es sind nur wenige Schritte bis zu seinem Wagen. Dort angekommen, tauscht er seine Bomberjacke gegen die neue Errungenschaft. Das Leder schmiegt sich leicht an seinen Körper an. Er betrachtet sein verzerrtes Spiegelbild im Seitenfenster, als ihn jemand an der Schulter packt und zu sich herum reißt. Luis ist zu überrascht, um angemessen reagieren zu können. In manchen Vierteln musste man mit so etwas rechnen. Aber hier?

Der Mann, der ihn am Kragen packt, ist nicht größer als er. Doch er hat Bärenkräfte und ein zornentbranntes Gesicht. Er zerrt Luis von seinem Auto weg auf die Mitte der Straße, wo ein Wagen quietschend zum Stehen kommt. Seine Augen funkeln wild:
„Du blöder Wichser! Zieh sofort die Jacke aus!“
Noch immer begreift Luis nicht, was sich hier abspielt. Vor allem will er keinen Ärger. Er hebt die Hände zum Zeichen, dass er sich nicht wehren wird.
„Schon gut, Mann, beruhig dich wieder.“
Doch der Mann ist weit davon entfernt, sich zu beruhigen.
„Hat SIE dir die Jacke gegeben? – Dieses alte Miststück!“
„Was? … Wer?“
„Tu nicht so oder ich polier dir deine Eisenfresse!“
Bevor er seine Drohung wahr machen kann, greift ein Passant beherzt ein und fixiert den Arm des Angreifers auf dessen Rücken:
„Hey! Gut jetzt! Ganz ruhig oder ich rufe die Polizei.“

Luis stöhnt innerlich auf. Äußerlich hört man es nicht. Zu seinem Erstaunen lässt sein Peiniger plötzlich von ihm ab. Er schüttelt den Kopf als sei er gerade wieder zur Besinnung gekommen. Der andere Mann gibt den fixierten Arm frei, worauf der Angreifer sein Gesicht in den Händen verbirgt und schluchzt. So bleibt er stehen und rührt sich nicht mehr. Luis und der Passant sehen sich ratlos an. Auch der Autofahrer, der bremsen musste, lauert darauf, was als nächstes passiert.
„Wollen Sie, dass ich die Polizei rufe?“, fragt sein Retter und legt seine Hand auf Luis‘ Schulter. Luis zuckt spürbar zusammen:
„Nein, nicht nötig. Er ist jetzt sicher wieder friedlich.“
Der Mann nickt:
„Fahren Sie trotzdem lieber gleich los, bevor er es sich noch anders überlegt.“
Luis nickt und steigt in seinen Wagen:
„Danke. Das war ganz schön mutig von Ihnen.“
„Schon gut. Ich habe einen schwarzen Gürtel.“

Als Luis losfährt, verharrt der Rest der Straße noch im Standbild. Im Rückspiegel beobachtet er, wie langsam wieder Bewegung in die Szene kommt: Der hilfsbereite Passant klopft dem Mann mit den Händen vorm Gesicht auf die Schulter und redet auf ihn ein. Auch der andere Wagen fährt weiter. Im Türrahmen seiner Reinigung steht Walter B. Dönges, der grimmige Inhaber, und schiebt sich die Lesebrille auf den Kopf. Er schaut Luis’ Audi nach:
„Eine Tracht Prügel hättest du schon mal verdient, Junge. …“
Dann notiert er Luis’ Kennzeichen auf dem Reinigungsbeleg. Man konnte nie wissen. Auf die Ferne sieht Walter noch sehr gut.

Erst einige hundert Meter später merkt Luis, dass sein Herz unter der Lederjacke wild pumpt. Das war knapp! In seinem Kofferraum liegen die Pakete für den Kurierdienst. Das Ganze hätte mächtig ins Auge gehen können – nicht nur für ihn. Luis fährt an die Seite, um die Jacke auszuziehen, unter der es ihm ordentlich heiß geworden ist. Ein Miststück ist sie also, unsere Frau Doktor … Es wundert ihn nicht. Etwas davon hat tatsächlich in ihrem Blick gelegen. Luis Entschluss steht nun fest, Jim und seine Ärztin schnellstmöglich voneinander zu trennen.

Nach seiner Station beim Kurierdienst ist Luis froh, mit leerem Wagen zurückzufahren. Eine seltsame Euphorie beflügelt ihn. Auf dem Rückweg leert er sein Postfach. Es enthält viele Geldkuverts. Genug, um einen Abstecher zum Juwelier zu machen, wo er eine Goldkette für Slava aussucht. 800 Euro blättert er dafür hin. Er selbst mag kein Gold, aber Slava liebt es. Luis verstaut die Präsent-Schachtel in seiner Bomberjacke, wo er sonst die Rezeptblöcke versteckt. Die Lederjacke liegt auf dem Rücksitz seines Audis.

Als er zuhause ankommt, schenkt sich Luis ein großes Glas Wodka ein. Das macht er nur selten, aber heute hat er ihn nötig. Das Klingeln seines Handys ignoriert er. Heute ist er für niemanden mehr zu sprechen. Er legt sich auf sein Bett und nickt sofort ein. Das Handy ist auf stumm geschaltet. Er weiß nicht, wie lange er im Bett gelegen hat, als ihn die Klingel aus dem Tiefschlaf reißt. Benommen taumelt er zur Gegensprech-Anlage und fragt sich, ob er überhaupt reagieren soll. Doch jeder kann sehen, dass sein Audi auf dem Parkplatz steht, Also drückt er auf den Sprechknopf:
„Ja?“
Eine förmliche Männerstimme kommt durch die Gegensprechanlage:

„Herr Stöcker? Luis Stöcker?“

„Ja. Was ist los? Wer sind Sie?“
Luis schwant Böses.

„Kriminalpolizei. Können Sie bitte die Tür öffnen?“

Plötzlich ist er hellwach:
„Kriminalpolizei? Worum geht’s denn?“
Am anderen Ende hört er Gemurmel. Dann die gleiche Stimme:

„Es geht um Ihren Bruder Jim. Können wir kurz reinkommen?“

Luis’ Gehirn fängt sofort an zu rattern. Mit so etwas hatte er immer rechnen müssen und er ist entsprechend vorbereitet. Trotzdem schießt sein Adrenalin-Spiegel in die Höhe.

Neun Stockwerke hat er Zeit. Schritt 1: den Aufzug rufen, damit die Polizei ihn erst wieder nach unten holen muss. Das verschafft ihm mindestens drei Minuten. Die Zeit hatten er und Slava einmal mit seinem Chronographen gestoppt. Häufig stiegen in den Stockwerken dazwischen Leute aus oder zu. Es war ein ständiges Kommen und Gehen im Haus, und Luis ärgerte sich oft darüber, wie lange der blöde Aufzug brauchte. Doch in diesem Fall kam es ihm zu Gute.
„Ja klar, kommen Sie rauf. Neunter Stock.“

Luis drückt den Türöffner und rennt zum Aufzug. Dann rast er nach hinten ins Wohnzimmer, wo er alle Rezeptblöcke in eine Kiste wirft, die für diesen Zweck neben dem Schreibtisch steht. Er trägt die Kiste hinter die Stahltür und schließt diese sorgfältig ab, bevor er den leeren Schrank davor schiebt. Das Zimmer sieht wieder nach einem normalen Wohnzimmer aus. Dass ein Fünftel davon fehlte, merkt niemand, der die Wohnung nicht in ihrem Original-Zustand kennt. Jetzt die Kür: Luis kramt Papiere vom Arbeitsamt hervor: Verdammt! Wo ist das neue Schreiben vom Sozialamt? … Er drapiert die Briefe auf dem Schreibtisch, damit es nach viel Arbeit aussieht. Zum Glück hat Luis den Rechner heute noch nicht benutzt. Der Browser-Verlauf ist seit dem letzten Login gelöscht. Das macht er vorsorglich, bevor er den Computer ausschaltet.

Zwei einhalb Minuten sind um, als die Polizisten an der Wohnungstür klingeln. Luis atmet tief durch und geht zur Tür, um sie zu öffnen. In seiner Brust hämmert es wie in einem Maschinenraum, doch äußerlich wirkt er tiefenentspannt. Die beiden Polizisten hingegen sind hörbar außer Atem, weil sie sich für die Treppe entschieden hatten, als ihnen der Aufzug vor der Nase wegfuhr.
„Herr Stöcker?“
„Ja. Kommen Sie rein.“
Luis tritt beiseite, um die Zivilbeamten in die Wohnung zu lassen. Den Männern scheint ihre Atemlosigkeit etwas unangenehm zu sein. Der Vordere hält Luis im Vorbeigehen seine Dienstmarke hin. Luis würdigt sie keines Blickes.

Hundert Mal hat Luis diese Szene im Kopf durchgespielt. Er lenkt die Herren sofort ins Wohnzimmer, vorbei an der Küche, deren Tür offen steht, was ihm peinlich ist. Die Türen zum Bad und zu Jims Zimmer sind geschlossen. Auf dem Weg ins Wohnzimmer werfen die Kommissare einen Seitenblick auf das zerwühlte Bett in Luis’ Zimmer.
„Sie haben mich geweckt“, erklärt Luis. Einer der Beamten nickt.

Im Wohnzimmer angekommen bittet Luis die Polizisten, auf dem Sofa Platz zu nehmen, was sie auch gleich tun. Er selbst zieht sich den Schreibtisch-Stuhl heran, wodurch er höher sitzt als die Beamten:
„Also? Was ist mit Jim? Er ist doch noch in der Klinik – oder?“
Die beiden Männer sind froh, dass Luis gleich kooperiert.
„Ja, ist er. Im Moment wird er dort verhört.“
„Wie bitte? Worum geht es eigentlich?“
„Herr Stöcker, Ihr Bruder steht unter dem Verdacht, Rezeptblöcke in der Klinik entwendet zu haben.“
„Wie kommen Sie denn darauf?“
„Wir nehmen an, er wollte er es gerade tun, als er dabei erwischt wurde.“
Luis zieht die Augenbrauen hoch:
„Sie nehmen das an? Was heißt das denn? Hat er nun oder nicht?“
Die Polizisten tauschen einen bedeutungsschwangeren Blick. Dann spricht der Wortführer weiter:
„Sagen wir es so: Ihr Bruder hatte einen Rezeptblock seiner Ärztin in der Hand, als sie das Zimmer betrat.“
Luis streicht sich mit der Hand über seinen Schädel:
„Nochmal ganz langsam für mich zum Mitdenken: Jim hatte einen Rezeptblock in der Hand und war allein im Behandlungszimmer?“
„Korrekt. Aber nur kurz.“
Luis stöhnt leise und lehnt sich auf seinem Stuhl zurück:
„Da bin ich aber sehr froh, dass er nichts Schlimmeres in der Hand hatte. Sie wissen sicher, dass er in der Klinik ist, weil unsere Mutter sich umgebracht hat.“
Der Beamte nickt. Von dem zweiten Beamten kommt nichts.
„Ja, das wissen wir. Und dass er deswegen drogenabhängig ist. Daher auch der Verdacht, dass Ihr Bruder den Rezeptblock an sich nehmen wollte. Die behandelnde Ärztin sagt, sie sei nur ganz kurz aus dem Zimmer gewesen, und dass in den letzten Wochen häufiger mal Rezeptblöcke gefehlt hätten.“
Luis lacht ungläubig:
„Häufiger? Ihr Ernst? Das kann doch nicht wahr sein! Vielleicht sollte die Ärztin sich mal untersuchen lassen.“
Die Beamten blicken sich an, als hätten sie telepathische Kräfte:
„Herr Stöcker, dürfen wir uns mal in Jims Zimmer umsehen?“
Luis verschränkt die Arme vor der Brust und beginnt, mit der Rückenlehne seines Bürostuhls zu wippen:
„Das ist ja wie im Kino. In Filmen fragen die Verdächtigen jetzt immer: Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl, Herr Kommissar?“
Der Beamte sieht Luis tief in die Augen:
„Stimmt. Brauchen wir denn einen?“
Bei dieser Frage schnellt Luis nach vorne:
„Also wirklich, Herr …“
„Lensenroth. Kommissar Lensenroth.“
Der Kommissar holt eine Visitenkarte aus der Jackentasche und reicht sie Luis.
„Danke. Lassen Sie mich das bitte nochmal zusammenfassen, Herr Lensenroth: Mein drogenabhängiger Bruder, das arme Schweinchen, hat die Hand an einem Rezeptblock seiner Ärztin, die ihn alleine im Behandlungszimmer zurücklässt, und niemand weiß, ob er ihn wirklich stehlen wollte. Das klingt für mich nicht nach Gefahr im Verzug. In diesem speziellen Fall vermute ich schon, dass Sie einen Durchsuchungsbefehl brauchen. Aber was soll’s. ich werde für Sie mal ein Auge zudrücken.“

Luis steht auf und geht zur Tür – froh, das Wohnzimmer verlassen zu können. Die Polizisten folgen ihm schweigend. Auf dem Weg zu Jims Zimmer betet Luis inständig, dass sein Bruder ihre Abmachung eingehalten hat und nichts, was auch nur den leisesten Verdacht erregen könnte, dort aufbewahrt. Luis öffnet die Zimmertür, aus der ihnen ein beißender Geruch entgegen schlägt. Luis weiß nicht, wie lange er Jims Zimmer nicht mehr betreten hat. Aber er nimmt sich vor, später einmal gründlich zu lüften.
„Ich bin in der Küche“, schließt Luis beiläufig. „Melden Sie sich, wenn Sie fertig sind.“
Die Beamten wirken überrascht:
„Alles klar, Herr Stöcker. Es wird nicht lange dauern.“
„Lassen Sie sich ruhig Zeit. Ich habe zu tun. Kaffee?“
„Nein, danke. Sehr nett.“
Es ist offensichtlich, dass auch die Beamten sich nicht länger in Jims Mief aufhalten wollen als unbedingt nötig.

Luis schlägt das Herz bis zum Hals. Wenigstens wird die Küche so aufgeräumt … Er lässt Wasser ins Becken laufen und schaut zu, wie der Schaum langsam den Geschirr-Berg erklimmt. … Was für ein Kack! …, stöhnt er leise.

Ein großer Teil des Geschirrs steht bereits im Abtropfsieb, als die Beamten hereinkommen. Luis schaut vom Spülbecken auf. Er hält einen Topf und die Spülbürste in den Händen. Morgen will er eine Spülmaschine kaufen.
„Wir sind fertig, Herr Stöcker. Zumindest vorerst. Sollten wir noch einmal wiederkommen müssen, haben wir selbstverständlich einen Durchsuchungsbefehl dabei.“
„Selbstverständlich. Sie wissen ja, wo es rausgeht. Schönen Tag noch, die Herren.“

Nachdem die Beamten die Wohnung verlassen haben, wirft Luis den Topf und die Spülbürste ins dreckige Wasser zurück.
„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ …, brüllt er leise vor sich hin.
Als Nächstes musste er Slava anrufen. Sie haben einen Evakuierungsplan in der Schublade. Trotzdem kotzt es Luis an, dass er sich nun zu dessen Umsetzung gezwungen sieht. Er ist außer sich: Oh Mann, Jim, was hast du uns da für eine Scheiße eingebrockt! …

☎ „Slava?“

☎ „Ja, Luis? Was ist das für Nummer?“

☎ „Das ist das Handy mit der Prepaid-Karte.“

☎ „Oh, nein! Ist soweit jetzt.“

☎ „Ja, Slava. Es ist soweit.“

☎ „O.k.“

☎ „Eher nicht.“

„☎ Luis, mein Schatz? Alles o.k. bei disch?“

☎ „Bei DIR. … Ja, soweit.“

Slava merkt, dass Luis unter extremer Anspannung steht.

☎ „Ganz ruhisch Luis. Wir haben doch eine Plan.“

☎ „Ja, ich weiß.“

☎ „Du machst genau, wie im Plan. Jetzt gleisch. O.k.?“

Luis nickt. Slava spricht lauter:

☎ „O.k., Luis?“

☎ „O.k., Slava.“

☎ „O.k. Bis gleisch.“


Eine Stunde später fährt Slava mit einem Kleintransporter vor dem Hochhaus vor. Mit zwei Frauen aus ihrem Team lädt sie alle Umzugskisten ein, die Luis mittlerweile gepackt hat. Nach getaner Arbeit, setzt Slava ihre beiden Kolleginnen zwei Straßen weiter an der Bushaltestelle ab, wo Luis auf sie wartet. Er hat das Haus durch den Fahrradkeller über den Hinterhof verlassen. Der Audi steht auf seinem Parkplatz.

Am Abend haben Luis und Slava die Ladung des Transporters in der Erdgeschoss-Wohnung eines Zweifamilienhauses in Weiterstadt verstaut. Das Haus liegt zwanzig Minuten vor den Toren Darmstadts. Slava hat es vor kurzem mit Luis’ Hilfe von ihren Ersparnissen gekauft. Es war erstaunlich günstig gewesen, weil sie in das lebenslange Wohnrecht der Vorbesitzerin hatte einwilligen müssen. Als sie die hinfällige Frau aus der oberen Etage kennenlernte, war ihr die Einschränkung als zeitlich zumutbar erschienen. Direkte Nachfahren besaß die alte Hausbesitzerin nicht. Es gab nur einen angeheirateten Großneffen, der den Verkauf für seine Tante abgewickelt hatte. Die Nachbarin sah hin und wieder nach ihr und machte Besorgungen für sie.

Slava besitzt nur den Schlüssel zur unteren Wohnung. Einziehen war bisher noch keine Option für sie gewesen. Der Gedanke, mit einer sterbenden Frau unter einem Dach zu leben, bereitete ihr Unbehagen. Manchmal brachte sie ein paar Tüten und Kisten vorbei, wenn sie etwas Günstiges für ihren zukünftigen Haushalt ergattert hatte. Heute sind es ein paar Kisten mehr, die sie und Luis in die Wohnung tragen.

Als die Nachbarin neugierig den Hof betritt, fragt sie Luis erstaunt:
„Ach, ziehen Sie jetzt doch ein?“
Luis schüttelt genervt den Kopf:
„Nein. Slava richtet sich nur ein Büro hier ein.“
So schnell lässt sich die Nachbarin nicht abwimmeln:
„Dann sind Sie selbstständig?“, fragt sie an Slava gerichtet.
„Ja“, antwortet Slava. „Ist aber nur so Schreibkram.“
Die Neugier der Nachbarin ist damit noch nicht gestillt. Aber sie scheint zu merken, dass Slava ihr nicht mehr verraten will. Letztlich ging es sie ja auch nichts an.

Epilog

Da die Beamten in Jims Zimmer bis auf abgelaufene Durchfallmittel nichts finden konnten und Jim während des Verhörs dicht hält, wird der Verdacht des Raubs von Rezeptblöcken wieder fallen gelassen. Die Ärztin mag Jim und hat im Moment ganz andere Probleme.

Luis’ Webshop wird weiter gute Umsätze erzielen. Dank des neuen Lagers in Weiterstadt fühlen sich Jim und Luis sogar wohler in ihrer Wohnung. Sie beladen den Wohnzimmer-Schrank mit Geschirr und Büchern für den Fall, dass doch mal eine Hausdurchsuchung drohen sollte. Es läuft.

Bis Jim sich zu viel Heroin-Ersatz in die Venen spritzt, den er aus abgelaufenen Durchfallmitteln zusammengepanscht hat. Luis wird es erst merken, als die Polizei wieder vor ihrer Tür steht. Jim habe über Facelook einen Post mit dem Wortlaut

>Ich mache jetzt Schluss. Ich hab keinen Bock mehr auf den ganzen Scheiß! >>

abgesetzt. Einer seiner #Freunde habe daraufhin die Polizei alarmiert. Bei dieser Gelegenheit stellt Luis fest, dass er nicht zu Jims #Freunden zählt. Gemeinsam mit der Polizei findet Luis seinen kleinen Bruder tot auf dem Bett in dessen Zimmer. Die Beamten halten sich sofort die Ärmel vor Mund und Nase. Luis stört der Kotgestank nicht. Als Jims Tod eintrat, war Luis viel zu sehr mit der Neukunden-Anbahnung beschäftigt gewesen, um irgendwas von alldem riechen zu können.

Unterdessen richtet Slava ihr Versandhaus in Weiterstadt fertig ein. Weil die Sache mit Jim ihn so aus der Bahn wirft, vertraut Luis ihr auch den Paket-Versand an. Sie erledigt ihre Arbeit höchst gewissenhaft – argwöhnisch beäugt von zwei Nachbarinnen.

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